Kategorien
Allgemein

Das Gefühl, im falschen Film zu sein

Das Gefühl, im falschen Film zu sein

Hast du manchmal das Gefühl, dass mit dir was nicht stimmt, dass mit der Welt etwas nicht stimmt ? kommt es dir manchmal vor, als hättest du einen „Splitter im Verstand“ (Aus dem Film: Matrix)? Die Wissenschaft hat einen Namen dafür:

Evolutionärer Mismatch

Unser Gehirn ist für eine Welt optimiert, in der wir seit Jahrtausenden nicht mehr leben. Während 99 % der Menschheitsgeschichte lebten wir in kleinen, hochkooperativen Gruppen als Jäger und Sammler. Heute sitzen wir in anonymen Büros, starren in Bildschirme und kämpfen mit einer Reizüberflutung, für die unsere Steinzeit-Psychologie keine Blaupause hat.

Das Wichtigste für dich: Dieses Unbehagen ist keine persönliche Schwäche, sondern der Protest deines evolutionsbiologisch alten Gehirns gegen wenig menschengemäße Lebensumstände.

Was das bedeutet: wir dürfen als Coaches, Therapeuten und Co. Nicht nur am Individuum „rumdoktern“ und Lösungen auf individueller Ebene suchen. Wir müssen die Umstände, unsere Lebenswirklichkeiten, die Systeme, in die wir eingebunden sind, die Normen, denen wir uns anpassen, mitberücksichtigen. Es geht also nicht nur um da Verhalten der einzelnen, sondern auch um die Verhältnisse.

Ein guter Resilienz-Coach oder Therapeut weiß darüber Bescheid, entlastet die Klienten von der Annahme des eigenen Versagens, der eigenen Schuld oder der eigenen Unzulänglichkeit und gibt ein größeres Bild. Nämlich das des Mismatch Phänomens 

(übrigens nach Carel Van Schaik & Kai Michel aus ihrem sehr lesenswerten Buch: „Mensch sein“.) 

Du bist nicht schuld – Warum Selbstoptimierung oft am Ziel vorbeischießt

Wenn wir unter Stress, Burnout oder Überforderung leiden, suchen wir die Schuld meist bei uns selbst: „Ich bin nicht resilient genug“ oder „Ich muss mein Zeitmanagement verbessern“. Und Coaches, Trainer, Ratgeber – sogar Therapeuten springen sehr oft darauf an. Ein ganzer Markt entsteht so und es lässt sich damit eine Menge Geld verdienen. Zusätzlich wollen die Klienten schnelle Lösungen: „Mach mich resilient! Möglichst schnell und unkompliziert!“  Hier wird das Konzept der Selbstwirksamkeit überstrapaziert bzw. falsch interpretiert und Geduld oder strukturelle Veränderungen sind rar gesät. In unserer Optimierungsgesellschaft gibt es keinen Platz für „Loser“ und keine Zeit für echte Transformation. Schneller Change lautet die Devise – egal ob am Arbeitsplatz oder im Privatleben.

Versteht mich nicht falsch, ich mische genau in diesem Markt mit. Aber: eine Aussage des Psychiaters und Philosophen Thomas Fuchs hat mich vor ein paar Jahren richtig stark „angegriffen“: als Psychiater und Therapeuten müssten wir aufpassen nicht zu Handlangern eines schädlichen Systems zu werden. 

Das hat gesessen und um ehrlich zu sein, hat das mein Weltbild ein bisschen ins Wanken gebracht. 

Ich habe meine Haltung seither überdacht und angepasst, habe viel über Entfremdung, Mismatch Phänomene und Mensch sein (ich kann das gleichnamige Buch nur empfehlen) gelesen.

Coping und Kulturblindheit

Ich komme aktuell zu diesem Zwischenfazit für mich (basierend auf Zahlen, Daten, Fakten):

  • Der Markt nutzt unser Unwohlsein aus, um uns unzählige Coaching- und Biohacking-Angebote zu verkaufen. Longevity ist der aktuelle Trend, um mit der Ohnmacht hinsichtlich des Älterwerdens und der Angst vor dem Tod optimierter umzugehen und damit Geschäft zu machen.
  • Diese Angebote behandeln oft nur Symptome („Coping-Strategien“), ändern aber nichts an den krankmachenden oder schwächenden Verhältnissen oder den tiefer zugrunde liegenden Themen der Menschen im Sinne des Mensch seins.
  • Wir neigen zur Kulturblindheit: Wir halten unsere extremen Lebensbedingungen für normal und pathologisieren stattdessen die natürliche menschliche Reaktion darauf.

Was also tun?

Hört auf, den Fehler ausschließlich bei euch zu suchen. Manchmal ist „Ungehorsam“ gegenüber einem ungesunden System die bessere Selbstfürsorge. Und wenn ihr als Coaches, Trainer, Therapeuten oder Führungskräfte arbeitet: durchschaut diese Mechanismen, sprecht sie transparent an, lasst euch nicht zu quick-fixes verleiten, thematisiert genau das und schaut über das Individuum hinaus auf die Umwelt, das umgebende System. Ein erster Schritt wäre die nicht wertende Haltung, Mitgefühl und Verbundenheit (Beziehungsgestaltung) mit den Klienten / Mitarbeitenden. Diese Erfahrung kann korrektiv sein und ein erster wichtiger Schritt zurück zum Mensch sein. Für beide.

Mehr zu Resilienzförderung, Neurobiologie und den neuesten Forschungserkenntnissen im Bereich mental health

In der von Claudia Pusch, Katrin Große und mir gegründeten Kitchen2soul Akademie bieten wir online und Präsenz Aus- und Weiterbildung zu Resilienz-Coaching, systemischen Coaching, psychischen Erkrankungen in Coaching und Beratung, Netzwerktreffen und vieles weitere an. Ganz neu im Programm: mein online Tagesworkshop: „Old Brain in a New World – wie Gehirn, Körper und Resilienz zusammenhängen- Praktisches Wissen für Coaching, Training, Führung und Therapie“ 

Schaut gerne auf www.kitchen2soul.com vorbei. 

Gerne halten mein Team und ich Keynotes und Weiterbildungen zu diesen Themen auch in eurem Unternehmen.