Resilienz und Bewusstseinserweiterung – nicht noch besser funktionieren, sondern flexibler werden
Seit vielen Jahren beschäftige ich mich als Ärztin, Psychotherapeutin, Coach und Ausbildnerin mit der Frage: Was hält uns psychisch gesund trotz der ganzen Anforderungen, Krisen und Veränderungen?
Meist geht es beim Konzept der Resilienz um die Fähigkeit, in Krisen nicht den inneren Boden zu verlieren oder als Stehaufmännchen wieder „zurück“ zu kommen. Auch den Spruch: „hinfallen, aufstehen, Krone richten, weiter geht’s“ habe ich selbst oft zitiert.
Doch je tiefer ich in das Thema eintauche (wissenschaftlich und in der Praxis), desto mehr rückt eine Erkenntnis in den Fokus: Eine entscheidende Ressource für Resilienz liegt nicht darin, noch schneller oder effizienter nach Erschütterungen oder Stressoren ins alte Leben zurückzufinden. Sie liegt darin, flexibler zu werden.
Allerdings haben wir als Menschen hier ein Problem: Unser Gehirn liebt vertraute Muster und Gewohnheiten. Sie geben uns Sicherheit, sparen Energie, können uns aber auch begrenzen. Wir halten unsere Sicht auf die Welt und spezifische Situationen schnell für die einzige Wirklichkeit und unsere Gedanken über uns selbst für die absolute Wahrheit. Außerdem sagen wir aufgrund unserer Erfahrungen und Muster-Berechnungen vorher, wie eine neue Situation wohl ausgehen wird („Das ging schon einmal schief, dann wird es wieder schief gehen“) – und liegen damit verdammt oft daneben. Ohne es überhaupt zu merken, weil wir ja keinen Vergleich haben.
Resilienz und Bewusstseinsveränderung
Sehr spannend finde ich die Verbindung von Resilienz zu Bewusstseinserweiterung: Bewusstseinserweiternde Erfahrungen sind Zustände, in denen sich unsere gewohnte Wahrnehmung von uns selbst, der Welt und unserer Verbundenheit mit anderen vorübergehend verändert oder erweitert. Sie können durch bewusstseinserweiternde Substanzen (sogenannte Psychedelika, wie L$D oder psylocibinhaltige Pilze), Meditation, intensive Naturerfahrungen, Atemarbeit, Musik oder andere außergewöhnliche Erfahrungen entstehen und eröffnen oft neue Perspektiven auf das eigene Denken, Fühlen und Handeln. So können unsere „Selbstverständlichkeiten“, unsere Muster, Gewohnheiten und unsere Glaubenssätze vorübergehend ins Wanken geraten. Bewusstseinserweiterung kann dazu beitragen statt Kontrolle Vertrauen, statt Widerstand Akzeptanz, statt Rigidität Flexibilität zu erfahren. So lernen wir u.a. neue Perspektiven einzunehmen oder die eigenen Werte und Glaubenssätze aus einer heilsamen Distanz zu betrachten.
Mich interessiert die Frage: Was können wir aus diesen außergewöhnlichen Erfahrungen über die Fähigkeiten lernen, die wir brauchen, um in einer sich ständig verändernden Welt handlungsfähig zu bleiben? Oder noch größer gedacht: ein gutes Leben zu leben und Mensch zu sein.
Es geht bei Bewusstseinserweiterung nicht darum, aus der Realität auszusteigen. Es geht darum, ein größeres Repertoire an Antwortmöglichkeiten zu den Herausforderungen des Lebens zu entwickeln. Es geht also (auch) um Flexibilisierung.
Psychedelika und das „Fenster für Veränderung“
Der Psychiater und Psychotherapeut Gregor Hasler beschreibt in seinem Buch Higher Self Psychedelika (bewusstseinsverändernde Substanzen, wie L$S, psylocibinhaltige Pilze, Ayahuasca etc.) als mögliche Katalysatoren für Veränderungsprozesse. Er verbindet ihre Wirkung unter anderem mit Neuroplastizität, Bewusstseinserweiterung und der Möglichkeit, das Selbst gleichzeitig durchlässiger und widerstandsfähiger werden zu lassen.
Auch die aktuelle Forschung beschäftigt sich zunehmend mit der Frage, ob psychedelische Erfahrungen ein zeitlich begrenztes „Fenster“ für Veränderung eröffnen können.
Dabei geht es nicht nur darum, dass das Gehirn während eines bewusstseinserweiternden Zustands eine höhere bzw. veränderte Konnektivität und Plastizität zeigt. Interessanter ist die Zeit nach der Erfahrung.
Hier gibt es Hinweise auf Veränderungen von psychologischer Flexibilität, emotionaler Verarbeitung, Verbundenheit und Sinnwahrnehmung. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zu den Wirkmechanismen von Psilocybin beschreibt beispielsweise erhöhte Offenheit, kognitive und neuronale Flexibilität sowie eine größere Fähigkeit, emotionale Erfahrungen anzunehmen.
Das bedeutet nicht:
Psychedelika machen resilient.
Es bedeutet vielmehr:
Eine bewusstseinserweiternde Erfahrung kann möglicherweise einen Erfahrungsraum schaffen, in dem bestimmte Voraussetzungen für Resilienz leichter zugänglich werden. Und durch die Neuroplastizität können Lernen, Veränderungen, Perspektivwechsel auch nach der Erfahrung leichter möglich sein.
Das ist doch spannend, oder?
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Fotografie © Eva Hermann

