Workshop Situation

Raus aus der Opferrolle und selbst die Verantwortung übernehmen

„Ich möchte ein gutes Leben haben.“, „Ich möchte am Ende wenig bereuen.“, Ich möchte mit Wohlbefinden altern. “, „Ich möchte weniger getrieben sein und mich weniger fremdbestimmt fühlen“. Sicher kennen Sie diese Wünsche von sich selbst oder von Ihren Klient*innen und Coachees. Egel welchen Alters, welchen Geschlechts, ob im Kontext des Jobs oder des Privatlebens, wir alle wollen wissen, wie ein gutes, selbstbestimmtes und freies Leben gelingen kann. Dieser Fragen haben sich die Philosophen der Antike schon angenommen und so erfindet die heutige Psychologie das Rad nicht neu. Viel mehr scheinen uns basale Kenntnisse zur Lebensführung verloren gegangen zu sein; vielleicht weil wir uns immer mehr von uns selbst und unserem Lebensraum entfremden und weil wir oftmals gar keinen Zugang mehr zu unseren Gefühlen, unserem Befinden und damit unseren Bedürfnissen haben. Wir wissen oft nicht, was uns guttut, was wirklich wichtig für uns und ein gutes Leben ist und wie wir dies selbstverantwortlich und selbstfürsorglich erreichen können. 

Was sind nun Meilensteine, die auf der Roadmap zum guten Leben liegen? Im Folgenden wähle ich vier aus, die wissenschaftlich belegt und meiner Erfahrung nach in der Coachingpraxis oder in der Selbstreflexion wichtig und hilfreich sind.

  1. Finden Sie heraus, was Sie wirklich brauchen und welche Bedürfnisse Sie haben 

Viele von uns vermögen es nicht (mehr) zu unterscheiden zwischen dem, was sie wirklich brauchen und dem, was sie sich darüber hinaus wünschen oder wollen. Ich brauche soziale Kontakte und ich will ein neues Auto. Das ist der Unterschied. Um zufrieden zu leben, muss ich aber über meine Bedürfnisse und über die Möglichkeiten zur Erfüllung dieser Bescheid wissen und ich muss verstehen, was ich wirklich brauche und was „nice to have“ aber nicht Glücks-entscheidend ist.  Die Philosophie regt an, sich zu fragen: „Hängt mein Glück davon ab?“ Wir können diese Frage anpassen: „Benötige ich dies wirklich für mein Glück? Ist dies wirklich zuträglich zu meiner Zufriedenheit, zu einem guten Leben?“ Damit würden wir ganz automatisch sinnvoll priorisieren, wie wir unsere begrenzten Ressourcen an Energie und Zeit einsetzen, um unsere tatsächlichen Bedürfnisse zu erfüllen. Es würde uns entschleunigen, weil wir unsere Zeit so nutzen würden, dass wir uns auf das konzentrieren, was wirklich zuträglich ist und wir leichter nein sagen könnten zu Dingen, die uns zwar als notwendig suggeriert werden, die letztendlich dann aber auch nur Zeit und Geld kosten wobei Geld zu verdienen wiederum Zeit kostet. Ein Kreislauf, der uns nicht zufrieden macht, wenn wir auf das falsche Pferd setzen. Wie finden wir heraus, was die „richtigen Pferde“ für unser Leben sind? Wir alle haben physiologische Grundbedürfnisse, die uns als Lebewesen vorgegeben sind. Dazu zählen beispielsweise Essen, Trinken, ausreichend Schlaf und Bewegung. Wie oft berauben wir uns aber genau der Erfüllung dieser Bedürfnisse? Wir beschäftigen uns oft schon mit der Erfüllung von Selbstverwirklichungsbedürfnissen (z. B. Karriere) oder der Erfüllung von „Träumen“ (Hausbau) und eben Dingen, die wir wollen aber nicht brauchen (Uhren, Autos), ohne dass unsere basalen Bedürfnisse, wie ausreichen Schlaf, genügend körperliche Aktivität und gesunde Ernährung erfüllt sind. Das bedeutet, dass ein Weg, um seine Bedürfnisse zu erkennen, darin besteht, sich an die physiologischen Bedürfnisse zu halten und erst einmal zu fragen: „sind diese erfüllt“, bzw. „wie kann ich dazu beitragen diese zu erfüllen?“ Erst danach können wir uns damit beschäftigen, was wir sonst noch benötigen für ein gutes Leben, nämlich ein gutes soziales Netz, ein Dach über dem Kopf, eine – im besten Fall- sinnstiftende Tätigkeit, Anerkennung und Verwirklichung. Wir lernen wieder mit uns in Kontakt zu kommen, wir lernen uns kennen, indem wir regelmäßig innehalten und uns fragen: „Wie geht es mir gerade körperlich, emotional und welche Bedürfnisse leite ich daraus ab?“.  

Unsere Gefühle und unser körperliches Befinden geben uns direkt Auskunft darüber, was wir wirklich brauchen.

Bin ich beispielsweise gereizt und ungeduldig, kann das daran liegen, dass ich hungrig bin. Also ist mein Bedürfnis: essen. Bin ich müde und fühle mich erschöpft, habe ich ein Bedürfnis nach Ruhe und Erholung oder auch mal nach körperlicher Bewegung. Wenn ich mich traurig fühle, könnte ich ein Bedürfnis nach Trost und sozialer Eingebundenheit haben. Sind meine Nackenmuskeln verspannt, benötige ich Entspannung, Regeneration. Spüre ich einen Kloß im Hals, wenn mir mein Chef eine neue zusätzliche Aufgabe auf den Tisch legt, spüre ich, dass mir das zu viel wird und mein Bedürfnis ist: Abgrenzung und nein-sagen. Sie sehen schon, es ist nicht immer ganz einfach seine Bedürfnisse zu erfüllen. Wie geht das nun und wer ist dafür zuständig?

2. Sorgen Sie für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse 

Die Antwort liegt nahe: jede(r) für sich ist dafür verantwortlich gut für sich zu sorgen. Ich bin für die Erfüllung meiner Bedürfnisse selbst verantwortlich. Manchmal ist es hilfreich, wenn uns andere Menschen dabei unterstützen, z.B. unser Bedürfnis nach Liebe zu erfüllen. Allerdings kann ich dieses Bedürfnis auch erfüllen, indem ich andere Menschen liebe, ich also meinen Wunsch nach Liebe auslebe. Dies gilt für alle anderen Bedürfnisse, anders ausgedrückt „Werte“, wie Gerechtigkeit, Loyalität, Ordnung etc. auch.   Es wird niemand anderes für Sie ein gutes Leben leben.  Sie können nicht darauf bauen, dass der Chef sagen wird: „ach ich glaube das ist Ihnen jetzt zu viel“, ihr Partner wird Ihre Wünsche nicht von Ihren Lippen lesen können und ein Lebensabschnitt gestaltet sich nicht automatisch einfach so gut, auch wenn Sie sich das vielleicht wünschen. Manchmal fällt es leicht zu sagen:“ das hätten die doch merken müssen, dass ich nicht mehr konnte“; „meine Familie muss mich doch öfter besuchen, damit ich mich nicht so alleine fühle“ usw. Ja, das wäre schön. Und gleichzeitig gilt: Sie sind der Regisseur Ihres Lebens. Sie können und müssen bestenfalls ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und steuern, egal wie die Umstände sind, egal wie anstrengend das ist und egal in welchem Lebensabschnitt Sie sich befinden.

Sie müssen Ihre Bedürfnisse und Wünsche formulieren und klar ausdrücken.

Am besten mit Ich-Botschaften, mit einer Begründung – nicht Rechtfertigung- und mit einem klar formulierten Wunsch. („Mir ist wichtig die Balance zu halten, daher werde ich diese zusätzliche Aufgabe nicht annehmen“ oder „Ich wünsche mir von Dir, dass Du pünktlich zu unseren Treffen kommst, da mir ein respektvoller Umgang untereinander wichtig ist.“) Sie können allerdings nicht erwarten, dass die anderen Menschen Ihre Bedürfnisse und Wünsche sofort respektieren und entsprechend handeln. Eine Ablehnung ist legitim. Sie erfüllen ja – hoffentlich- auch nicht alle Wünsche und Bedürfnisse der anderen. Das bedeutet nicht, dass sie überhaupt nicht von anderen Menschen abhängig sein dürfen, das kann kaum gelingen, wenn wir uns auf andere Menschen einlassen und lieben wollen.  Wir benötigen andere Menschen auch bei der Lösung von Problemen.  Es geht also nicht darum, möglichst unabhängig zu sein.  Sie können sich allerdings auch nicht ausschließlich auf andere verlassen und darauf, dass diese für ihr Glück aber auch für ihr Leid zuständig sind. Damit würden sie sich in eine ungünstige, fremdbestimmte und schwächende Opferrolle begeben. 

3. Raus aus der Opferrolle – love it, change it or leave it.

Indem Sie Selbstverantwortung übernehmen, kommen Sie ins Handeln, was Sie wiederum in Ihrer Selbstwirksamkeit stärkt. Es ist ein bekannter psychologischer Mechanismus, dass wir uns besser fühlen, wenn wir uns entscheiden, etwas zu tun, die Dinge also in die Hand nehmen, anstatt abzuwarten, sich abhängig zu machen und damit in Hilflosigkeit zu verharren. Dabei hilft es, sich die aktuelle Situation genau anzuschauen. Nehmen wir an, Sie haben herausgefunden, was Ihr Bedürfnis ist, nämlich mehr Kontakt zu einer Freundin zu haben, die sich aber seit Monaten nicht bei Ihnen gemeldet hat. Nun können Sie diese Situation analysieren, nach den Gesichtspunkten: 1.) „was kann ich verändern, beeinflussen?“ Zum Beispiel könnten Sie sich bei der Freundin melden, einen Termin vorschlagen oder mit einer guten Flasche Wein einfach bei ihr vorbeischauen. Und 2.) „Was kann ich nicht verändern oder beeinflussen?“. Sie können beispielsweise diese Freundin und ihre Charaktereigenschaften oder Beziehungsfähigkeit nicht ändern.  Konzentrieren Sie sich also auf das, was SIE tun können. Wie gehen Sie mit dem um, was Sie nicht steuern können, zum Beispiel wenn Ihre Freundin Sie einfach nicht treffen möchte? Nun haben Sie folgende Möglichkeiten: 1.) Sie nehmen es so an, wie es ist und akzeptieren den Wunsch Ihrer Freundin. Sie treffen sich, wenn es sich ergibt, warten aber nicht andauernd darauf, dass sie sich bei Ihnen meldet. Sie akzeptieren die Haltung Ihrer Freundin, Sie lassen von Ihren Wünschen und Erwartungen los. 2.) Sie entscheiden sich, dass Sie das so nicht akzeptieren können, dass Ihnen in einer Freundschaft andere Werte wichtig sind; Sie verlassen also die Situation und beenden die Freundschaft von Ihrer Seite aus. Den Trennungs-Schmerz darüber werden Sie aushalten und daran wachsen. Sie rennen nicht gegen Windmühlen, reiben sich auf oder ärgern sich, fangen nicht an die Freundin zu terrorisieren. Sie lassen stattdessen los. Das ist zuträglicher für ein gutes Leben. 3.) Sie lenken sich ab. Anstelle in Passivität und Hilflosigkeit oder in Groll und Schmerz zu verfallen, richten Sie sich anders aus und suchen aktiv nach neuen Kontakten oder verstärken andere Freundschaften. Wie Sie sehen, sind alle Varianten damit verbunden, dass Sie Entscheidungen treffen, dass Sie etwas aktiv tun. Akzeptanz und Loslassen sind aktive Entscheidungen und aktive Handlungen. 

4. Was ist das Wichtigste für eines guten Leben?  

Nun verrate ich Ihnen zum Schluss, was der wahre Schlüssel zum zufriedenen Leben ist. Die Harvard-Studie von Robert Waldinger und Kolleg*innen gibt Aufschluss. Sie begleitet die Entwicklung von 724 erwachsenen Männer schon über 75 Jahre lang. Jedes Jahr werden die Teilnehmer nach ihrer Arbeit, dem Familienleben, ihrer Gesundheit und Ihrem Wohlbefinden befragt um herauszufinden, was die wichtigsten Faktoren für ein gutes, gelingendes Leben sind. Die Ergebnisse dieser (und im Übrigen auch anderer Studien) zeigen: gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder im Vergleich zu allem anderen. Einsamkeit ist hingegen schädlich. Es kommt dabei nicht nur auf die Anzahl der Freunde an und nicht darauf, ob man in einer festen Beziehung ist oder nicht, sondern auf die Qualität der engen Beziehungen. Die Menschen, die mit 50 am zufriedensten in ihren Beziehungen waren, waren die gesündesten im Alter von 80.

Gute Beziehungen haben einen positiven Einfluss auf unsere körperliche und geistige Gesundheit.  Es lohnt sich in Beziehungen aktiv zu investieren. Dazu sind Selbstfürsorge und Selbstverantwortung die Basis.

Denn wenn ich mich nicht gut um mich kümmere, nicht auf meine Bedürfnisse achte, oder diese nicht befriedige, und dadurch zum Beispiel keine Energie habe, gereizt und gestresst bin, ja sage auch wenn ich nein meine, in einer Opferrolle verharre, kann ich anderen Menschen weniger gut Unterstützer und Freund sein. Selbstfürsorge bedeutet also auch sich um andere zu kümmern, anderen etwas Gutes zu tun und ist damit alles andere als egoistisch. Wir wissen aus der Neurobiologie, dass wir positive Botenstoffe ausschütten, die ein Wohlgefühl in uns auslösen, wenn wir anderen etwas schenken, anderen helfen oder andere unterstützen. Anderen etwas Gutes zu tun fördert also unsere eignen positiven Gefühle und lässt unser Leben damit zufriedener werden. Anfangs hatte ich die Frage vorgeschlagen: „Trägt dies zu meinem Glück bei?“ Nun möchte ich die Frage ergänzen: „Trägt dies, trägt mein Verhalten, trägt diese Entscheidung, trage ich zu meinem Glück und dem Glück der anderen bei?“

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