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Wie gelingt gesunde Führung?

Wie gelingt gesunde Führung?
Interview im Coaching Magazin 04/2023

Lesedauer

16–23 Minuten

Führungskräfte sind mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert. Ihre Teams sollen wirtschaftliche Ziele verwirklichen. Gleichzeitig gehört es zur Verantwortung einer Führungskraft, Bedingungen zu schaffen, die dem Erhalt der psychischen Gesundheit der Mitarbeitenden dienen. Dass hierin keinesfalls ein Widerspruch zu sehen ist, weiß Dr. Tatjana Reichhart, die im Bereich gesunder Führung coacht. Was eine gesundheitsförderliche Führungspraxis ausmacht und weshalb auch Ärzte von Coaching-Know-how profitieren, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Interview. 

Dr. Tatjana Reichhart im Gespräch mit David Ebermann

Seit 2015 coachen Sie Führungskräfte im Bereich der gesunden und werteorientierten Führung. Was macht gesunde Führung aus?

Bei gesunder Führung geht es um die Frage, wie sowohl die Mitarbeitenden als auch die Führungskräfte widerstandsfähig, sprich resilient, bleiben. In der VUCA-Welt sind die Menschen mit vielen Veränderungen, Herausforderungen und Krisen konfrontiert. Und zwar nicht nur innerhalb der Unternehmen, denn gesellschaftliche Probleme, die bewältigt werden müssen, kommen hinzu. Zudem hat jeder Mitarbeiter und jede Führungskraft ein Privatleben, in dem es Stressoren und schwierige Situationen geben kann. Eine gesunde und resiliente Führungspraxis trägt vor diesem Hintergrund dazu bei, dass die Führungskraft selbst gesund und leistungsfähig bleibt und die Mitarbeitenden gleichzeitig darin unterstützt, ebenfalls ihre Kraft zu erhalten. Wenn ich als Führungskraft oder Mitarbeiter keine Energie mehr habe, kann ich weder effektiv noch produktiv sein und auch keinen Mehrwert für das Unternehmen generieren. Im unternehmerischen Kontext geht es selbstverständlich immer auch um Leistung. Gesunde Führung bedeutet nicht, alle relaxen zu lassen oder nie eine Deadline vorzugeben. Stattdessen geht es um einen verantwortungsvollen Umgang mit den gegebenen Anforderungen. Zu berücksichtigen ist auch die organisationale Ebene. Wie ist die Organisation aufgebaut? Wie sehen die Strukturen aus? Ist es überhaupt möglich, mit der Anzahl an vorhandenen Mitarbeitenden die aufkommende Arbeit zu bewältigen? Alle drei Ebenen – Organisation, Führung und die Teams – wirken zusammen. Auch ein Mitarbeiter trägt die Verantwortung, sich zu fragen: Wie gehe ich individuell mit Stress um? Wie kann ich meine eigene Resilienz stärken? Wer z.B. überaus perfektionistisch ist, setzt sich womöglich selbst über das notwendige Maß hinaus unter Druck, ohne letztlich Ergebnisse zu liefern. Das kann krank machen. 

Inwiefern geht es in diesem Kontext um Werteorientierung?

Führungskräfte sollten sich grundsätzlich darüber klar werden, wofür sie stehen wollen, was ihnen wichtig ist und wie die daraus resultierenden Handlungen wirken. Das muss sich nicht nur auf die Arbeit beziehen, sondern kann auch das Leben im Allgemeinen betreffen. Es geht nämlich zunächst einmal darum, zu verstehen, was generell wichtige Werte für uns Menschen sind. Oft wird uns suggeriert, dass Status unglaublich wichtig und wertvoll sei. Für Einzelne mag das auch so sein. Der Gesundheit des Menschen zuträglich sind aber vor allem Werte wie soziales Miteinander, Verbundenheit, Selbstbestimmung oder das Gefühl, Handlungsspielraum zu haben. Auch Wertschätzung ist hilfreich, weil sie Stress puffern kann. Aus Studien wissen wir, dass Menschen entspannter und belastbarer werden, wenn sie Wertschätzung erfahren. Eine Führungskraft sollte sich aber nicht nur die Kappe der Wertschätzung aufsetzen, wenn sie auf der Arbeit erscheint. Vielmehr ist dies eine Frage der Haltung. Im Coaching starte ich gerne mit der Frage: „Warum sind Sie Führungskraft geworden?“ Sie bietet einen guten Einstieg in das Thema Werte. Dann gilt es natürlich zu reflektieren, ob das Leitbild des Unternehmens zu den Werten passt, an denen die Führungskraft ihre Arbeit ausrichten möchte.

Fungieren Führungskräfte hinsichtlich ihrer Selbstführung als Vorbilder im Unternehmen?

Unbedingt. Menschen orientieren sich an Vorbildern – und zwar insbesondere innerhalb hierarchischer Strukturen. Mitarbeitende werden sich hinsichtlich ihrer Einschätzung des von ihnen erwünschten Verhaltens immer auch daran orientieren, was ihre Führungskraft vorlebt. Schreibt eine Führungskraft an den Wochenenden E-Mails, was in fast jedem Unternehmen vorkommt, hilft es wenig, wenn sie ihren Mitarbeitenden sagt oder dazu schreibt, dass sie am Wochenende keine Antworten erwartet. Das Handeln ist entscheidend und bestimmt den Subtext. Verabschiedet sich eine Führungskraft hingegen pünktlich zum Feierabend mit den Worten, „ich gehe noch zum Sport“, hat dies auch eine Vorbildfunktion, weil vorgelebt wird, sich Zeit für die eigenen Bedürfnisse zu nehmen. Eine Anekdote: Ich kenne ein Unternehmen, in dem ein Ruheraum eingerichtet worden ist. Den Mitarbeitenden wurde gesagt, sie sollten da ruhig mal reingehen – nicht um zu arbeiten, sondern um von Zeit zu Zeit abseits des Großraumbüros Ruhe zu finden. Der Raum blieb aber immer leer. Weshalb? Weil er nie von einer Führungskraft betreten wurde. Wenn es um gesunde Selbstführung geht, kann die Beeinflussung der Teams durch die Führungskräfte also in beide Richtungen gehen und negativ oder auch positiv ausfallen. Übrigens: Auch Coaches sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und z.B. die eigenen Werte aufgearbeitet haben sowie eine gesunde Selbstführung praktizieren, um in ihrer Arbeit authentisch an entsprechenden Themen arbeiten zu können.

Sind sich die Führungskräfte ihrer Vorbildfunktion bewusst oder gilt es im Coaching, zunächst ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen?

Die meisten Führungskräfte, mit denen ich in Coachings oder auch Workshops arbeite, unterschätzen ihre Vorbildfunktion. Ihnen ist tatsächlich nicht bewusst, wie stark ihr Einfluss auf die Mitarbeitenden ausfällt. Spreche ich dies im Coaching an, heißt es oftmals: „Aber ich gebe doch ausdrücklich Raum für eigene Entscheidungen und erwarte nicht, dass am Wochenende gearbeitet wird.“ Dass es vor allem relevant ist, die kommunizierten Werte auch vorzuleben, ist dann für viele eine wichtige Erkenntnis. Daher geht es in den Coachings viel um Sensibilisierung durch Bewusstmachung und Selbstreflexion, die anhand von Rollen- und Perspektivwechseln erfolgt.

Welche Rolle spielen dysfunktionale Glaubenssätze, wenn Führungskräfte beispielsweise schonungslosen Ehrgeiz oder übertriebene Perfektion vorleben?

Dysfunktionale Glaubenssätze und Werte spielen – übrigens unabhängig vom Geschlecht – oft eine Rolle. Wer von der Gesellschaft, von Medien oder seinen Eltern gelernt hat, dass Leistung alles im Leben sei, und Erfolg nur über materielle Werte und Status definiert, wird wahnsinnig viel Energie investieren, um genau dies zu erreichen. Blickt man hinter solche Glaubenssätze, kommen in der Regel andere Motive zum Vorschein: z.B. das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit kann sich in einem ungesund hohen Leistungsanspruch niederschlagen, weil die Person Angst hat, ausgeschlossen zu werden, wenn sie nicht die erwarteten Ergebnisse liefert. Gefördert werden Muster wie diese oftmals schon früh – beispielsweise dann, wenn ein Kind von der Schule kommt und erzählt, dass es eine Zwei geschrieben hat, und die Eltern entgegnen, dass es nächstes Mal eine Eins sein möge. Leistungsdenken ist nichts Schlechtes, aber es geht um das Maß. 

Wenn eine Führungskraft nicht mehr frei entscheiden kann, ob sie am Wochenende arbeiten will oder nicht, weil sie sich so sehr getrieben fühlt, ist dies bedenklich. Die Führungskraft handelt dann nicht mehr frei und selbstbestimmt, sondern ist in ihren Glaubenssätzen oder in vermeintlich von außen an sie gerichteten Erwartungen gefangen. Im Coaching lohnt es sich, herauszufinden, was die Person antreibt. Um Befürchtungen zu hinterfragen, bietet es sich auch an, zu reflektieren, was denn schlimmstenfalls passiert, wenn etwa eine Deadline gerissen wird. Oftmals erwächst daraus große Freiheit, die mit reduzierter Anspannung und einem niedrigeren Stresslevel verbunden ist. Die Führungskräfte sind anschließend nicht weniger produktiv. Überhaupt nicht! Stattdessen sind sie beispielsweise besser in der Lage, auf Mikromanagement zu verzichten oder ihren Perfektionismus auf ein praktikables und verhältnismäßiges Niveau zu reduzieren. Sie verstehen, dass sie nicht ausschließlich an Leistung gemessen werden, sondern auch unabhängig davon – als Menschen – wertvoll sind. Im Sinne der gesunden und resilienten Führung kann sie dies zu besseren Führungskräften machen, weil sie den vorher verspürten, sehr starken Druck nicht mehr an die Mitarbeitenden weitergeben.

Kommt gesunde Führung dem Leistungsgedanken mittel- und langfristig sogar zugute?

Ja. Wer gesund führt, hält auch den Marathon durch. Wer seine Antreiber kennt, überträgt sie nicht unreflektiert auf andere und stärkt seine Selbstregulationsfähigkeit, die einer der wichtigsten Resilienzfaktoren ist. Die Person ist nicht mehr von einem Reiz-Reaktions-Automatismus getrieben, sondern kann selbstbestimmt handeln und dadurch priorisieren, strukturieren und in schwierigen Situationen Ruhe ins Team bringen und diesem Orientierung geben, was ein wichtiger und originärer Teil der Führungsaufgabe ist.

Werden Sie eher vorausschauend beauftragt oder wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?

Workshops zum Thema gesunde Führung finden eher präventiv statt. Bei den Coachings ist das Kind häufig schon zumindest halb in den Brunnen gefallen, wenn ich die Anfrage erhalte. Jedenfalls gibt es eine Not, wenn eine Führungskraft mich kontaktiert und sagt: „Ich brauche jetzt ein Coaching.“ Allerdings gibt es auch Unternehmen, in denen es zum Standard der Führungskräfteentwicklung gehört, dass sich Personen, die eine Führungsrolle antreten, im Rahmen eines Coachings mit sich selbst beschäftigen. Ich finde das großartig.

Laut einer Studie des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung ergreifen nur 38,3 Prozent der Organisationen schon heute Maßnahmen im Bereich der gesunden Führung, obwohl das Thema immer wichtiger werde. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Auf jeden Fall. Anzumerken ist allerdings, dass überhaupt erst in den letzten Jahren eine echte Entwicklung stattgefunden hat. Zuletzt hat die Corona-Pandemie nochmals deutlich gezeigt, dass das Thema psychische Gesundheit im Arbeitskontext relevant ist. Als ich 2007/2008 – ich arbeitete noch als Ärztin an der Klinik – angefangen habe, mich in einer Arbeitsgruppe intensiver mit der Thematik zu befassen, gab es in den Unternehmen selten ein Bewusstsein für die Bedeutung psychischer und mentaler Gesundheit am Arbeitsplatz. Sprach man mit Personalverantwortlichen und Führungskräften, hörte man noch Sätze wie: „Bei uns arbeiten vor allem Männer. Die haben es am Rücken und nicht an der Psyche.“ (lacht) Das wäre heute gar nicht mehr vorstellbar. Seither hat sich einiges getan und wir sind auf dem richtigen Weg. Die Bereitschaft, sich mit sich selbst zu beschäftigen, nimmt meiner Wahrnehmung nach immer mehr zu – auch bei Männern, die sich erfahrungsgemäß etwas schwerer damit tun, sich mit ihren Verletzlichkeiten auseinanderzusetzen. Geht ein Coach sensibel an entsprechende Themen heran, ist die Bereitschaft da.

Welche Rolle spielt das Thema Burnout-Prävention in Ihren Coachings?

Das Thema ist weiterhin relevant, wenngleich der Begriff seltener verwendet wird. Die Leute sagen nicht gerne: „Ich kann einfach nicht mehr.“ Das ist durchaus stigmatisiert. Daher kommen sie stattdessen ins Coaching, um z.B. eine „Lösung für den Umgang mit Stress“ zu finden. Insofern sind Begriffe wie Resilienzstärkung oder Förderung der Widerstandskraft dankbarer. Letztendlich geht es aber bei allen Coachings, die auf einen besseren Umgang mit Stress und Herausforderungen zielen, immer auch darum, keinen Burnout zu bekommen und in der Folge nicht krank zu werden. Burnout ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von Depressionen, Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen etc. Davor will Resilienzförderung schützen.  

Woran ist zu erkennen, dass jemand bereits einen Burnout aufweist?

Die Menschen können sich aus eigener Kraft kaum noch erholen und erleben selbst dann, wenn sie im Urlaub sind, kein Gefühl von Regeneration. Ihre Leistungsfähigkeit sinkt – verbunden mit einem Gefühl von körperlicher und psychischer Erschöpfung. Nicht selten bedingen erlebte Frustration und Verbitterung zudem einen bösartigen Zynismus. Betroffene reißen sich oftmals lange zusammen und sind hochengagiert, bis sie an einen Punkt kommen, an dem es schlagartig nicht mehr geht. Hier kommt wieder die Führung ins Spiel, denn im beruflichen Kontext ist sie häufig der Auslöser, der das Fass letztlich überlaufen lässt. Beispielsweise dann, wenn man seine ganze Energie aufopferungsvoll in ein Projekt investiert hat, das dann in der Schublade des Chefs verschwindet. Weist jemand die genannten Merkmale auf, kann man ihn fragen: „Was würden Sie machen, wenn Sie wie durch ein Wunder plötzlich alle Energie zurückhätten?“ Von Burnout Betroffene werden häufig antworten: „Dann würde ich sofort wieder … machen oder … in Angriff nehmen.“ D.h., sie fühlen sich noch getrieben, ihnen fehlt nur die Energie für die Umsetzung. Jemand mit einer Depression würde hingegen mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass er gar nicht weiß, was er dann täte, weil er ohnehin an allem das Interesse verloren hat. Hier liegt eine Art Trennlinie zweier Zustände, die sich auf den ersten Blick sehr ähneln können.

Risiken können ebenso im Privaten liegen, während die Arbeit der psychischen Gesundheit zuträglich sein kann …

Eindeutig. Es ist unbedingt festzuhalten, dass Arbeit nicht per se krank macht. Im Gegenteil: Sie kann ein nicht zu unterschätzender Schutzfaktor sein, indem sie soziale Eingebundenheit, finanzielle Absicherung, Anerkennung, Erfolg, Lernen, Entwicklung und Struktur ermöglicht. Wir wissen, dass Menschen, die ihre Arbeit verlieren, ein sehr viel höheres Risiko für psychische Erkrankungen haben. Psychische Gesundheit und Resilienz brauchen immer eine Ausgewogenheit von Gegensätzen: Anspannung und Entspannung, Anregung und Erholung, Tun und Sein. Es ist auch nie nur die Führung allein schuld, wenn ein Teammitglied eine starke Belastung aufweist, aber selbstverständlich gibt es Untersuchungen, die klar belegen, dass Führungskräfte einen signifikanten Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeitenden haben.

An der Kitchen2Soul-Akademie bieten Sie seit 2019 eine Ausbildung im Bereich Resilienz an. Worauf zielt das Angebot?

Menschen sind eine sehr widerstandsfähige Spezies, sonst gäbe es uns nicht mehr. Die grundsätzliche Fähigkeit, resilient zu sein und mit schwierigen Situationen umzugehen, hat uns die Natur mitgegeben. Das ist eine gute Nachricht, die wir in der Ausbildung auch vermitteln. Wenn wir an dieser Fähigkeit zusätzlich arbeiten, sie ausbauen und dadurch hilfreiche Ressourcen und Kompetenzen entwickeln, sind wir umso besser auf Herausforderungen vorbereitet und können unsere Widerstandsfähigkeit erhalten. Die Ausbildung soll dazu befähigen, andere hierin zu unterstützen. Wir wollen den Teilnehmenden das hierfür notwendige, wissenschaftlich fundierte Theoriewissen vermitteln, ihnen aber auch das praktische Handwerkszeug für die Anwendung an die Hand geben. Selbstverständlich lernen unsere Teilnehmenden im Rahmen der Selbsterfahrungsanteile auch, wie sie ihre eigene Resilienz stärken. Laut einer Untersuchung einer Krankenkasse schauen sehr viele Menschen fern, um Stress abzubauen. Andere greifen zu Alkohol. Das sind ungünstige Strategien. Dabei gibt es viele einfache und effektive Möglichkeiten der Stressregulation – soziale Kontakte, Optimismus, Sinn- und Werteorientierung etc. Auch dies war ein Grund, mit dem Angebot an den Markt zu gehen. Die Ausbildung habe ich zusammen mit Claudia Pusch konzipiert und wir führen sie auch zusammen durch. Das passt sehr gut, weil wir beide Vorerfahrungen im Thema haben und fachliche Hintergründe mitbringen, die sich gewinnbringend kombinieren lassen. Sie ist systemische Therapeutin und Coach. Ich komme aus der Verhaltenstherapie und arbeite ressourcenorientiert.

An wen richtet sich die Ausbildung?

Das Feld ist breitgefächert. Es nehmen sowohl bereits ausgebildete Coaches, die sich im Bereich Resilienz weiterbilden und spezialisieren wollen, als auch Führungskräfte und Personalverantwortliche teil, die das erworbene Wissen in ihre Unternehmen tragen und dort als Multiplikatoren auftreten sollen. Ebenfalls haben wir Teilnehmende aus sozialen bzw. pädagogischen Berufen – etwa Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie Lehrkräfte. Es haben auch schon Piloten und Rechtsanwälte teilgenommen, die mehr darüber erfahren wollten, wie der Mensch funktioniert. Es sind also nicht alle Teilnehmenden als Coaches tätig. Für Personen, die noch keine Coaching-Ausbildung absolviert haben, aber Coach werden wollen, bieten wir – in einer Art Baukastensystem – weitere Bestandteile an. Systemisches Coaching und Aufstellungsarbeit kommen dann als Basiselemente hinzu, um auch die notwendigen Grundkompetenzen zu erwerben.

Im Kontext Resilienz legen Sie Wert auf Konzepte aus der positiven und ressourcenorientierten Psychologie. Weshalb?

Das ergibt sich aus der Forschung. Resilienz verändert sich im Laufe des Lebens. Die Fähigkeit, trotz Stressoren psychisch gesund zu bleiben bzw. aus Krisen gestärkt hervorzugehen, ist keine starre Persönlichkeitseigenschaft. In unserem Fachbuch „Resilienz-Coaching“, das als Türöffner in die Thematik fungieren und deren Relevanz unterstreichen soll, behandeln Claudia Pusch und ich sechs Resilienzfaktoren. Einer davon ist der Optimismus, der einen großen Einfluss auf die Widerstandsfähigkeit hat. Antworten auf die Frage, wie sich Optimismus trainieren und stärken lässt, sind in der Literatur zur positiven Psychologie zu finden. Es geht hier nicht darum, sich die Welt zu machen, wie sie einem gefällt. Es ist nicht immer alles rosarot. Stattdessen bedeutet Optimismus in diesem Kontext, beide Seiten zu sehen – also auch die positive. Man könnte demnach auch von Zuversicht sprechen. Der Mensch hat einen Negativitäts-Bias. Er nimmt Negatives wie Gefahren und Bedrohungen stärker wahr als Positives. Das ist evolutionsbiologisch erklärbar. Manchmal denken wir am Ende eines Tages, dass alles schlecht war. Nüchtern betrachtet findet man aber neben den weniger schönen fast immer auch gute Aspekte. Richtet man sein Augenmerk auch bewusst auf das Positive, gibt dies Energie und Ressourcen, um überhaupt weit sehen zu können. Wer sich nur im Stress befindet und dauerhaft auf Schlechtes fokussiert, ist eingeengt und kann nicht lösungsorientiert handeln. Letzteres ist aber wichtig, denn auch die Lösungs- und Zukunftsorientierung wirkt stärkend.

Wie bildet sich dieses Wissen um den Wert des Optimismus in gesunder Führung ab?

Ein einfaches Beispiel sind Teammeetings. Richten Führungskräfte den Fokus nur auf das, was nicht gut gelaufen ist, oder rücken sie neben Defiziten auch Erfolge in den Blickpunkt? Und wie gewichten sie beide Seiten zeitlich? Führungskräfte sollten auch die erlebte Selbstwirksamkeit ihrer Teams im Blick haben. Selbstwirksamkeit als Resilienzfaktor bedeutet, dass die Führungskraft ihren Mitarbeitenden Leitplanken gibt, ihnen innerhalb dieses Handlungsrahmens aber auch Gestaltungsspielraum lässt und sie in ihrer Lösungsorientierung unterstützt, ohne Mikromanagement zu betreiben. Führungskräfte, die Verantwortung abgeben, unterstützen die Selbstwirksamkeit ihrer Teammitglieder.

Sie sind Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Weshalb haben Sie diesen Weg eingeschlagen?

Der Mensch und die Frage, wie er funktioniert bzw. wie er nicht funktioniert, haben mich schon immer interessiert, jedoch wollte ich mich – ich übertreibe jetzt etwas – nicht so gerne mit Kniegelenken, Lebern und Nieren befassen. (lacht) Ich fand es spannender, mich mit dem Gehirn, dem Sitz der Psyche des Menschen, auseinanderzusetzen. Ich hatte bereits ein Jahr lang Kommunikationswissenschaften studiert und wechselte dann zur Medizin. Es fiel mir allerdings schwer, mich zwischen Psychologie und Medizin zu entscheiden. Im Nachhinein bin ich froh, Medizin studiert und als Ärztin gearbeitet zu haben. Wenngleich ich nicht der Meinung bin, dass Coaches zwingend eine medizinische oder therapeutische Ausbildung brauchen, stellt die Medizin ein sehr gutes Fundament hinsichtlich dessen dar, was ich heute mache. Zu wissen und zu verstehen, was in jemandem passiert, der krank ist, hilft mir ungemein bei der Prävention.

Sie arbeiteten an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München und anschließend als niedergelassene Fachärztin. Warum haben sie diese Tätigkeit zugunsten des Coachings aufgegeben?

Ich bin verhaltenstherapeutisch ausgerichtet und viele Strategien, die man im Coaching nutzt, stammen aus der Verhaltenstherapie, sodass es bereits eine methodische Nähe gab. Ich engagierte mich zudem in einer Arbeitsgruppe, die sich mit psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz befasste, das Thema beforschte und Workshops in Unternehmen und Behörden anbot. Die Thematik hat mich sehr interessiert und so hat sich alles Weitere nach und nach entwickelt.

Sind Sie im Zuge der Workshops an Punkte gestoßen, deren Bearbeitung des Einzel-Coachings bedurfte?

Ja, das passierte. Workshops und Seminare können insbesondere zur Sensibilisierung für das Thema beitragen und Wissen vermitteln. Als Verhaltenstherapeutin war mir aber immer klar, wie viel mehr man im Einzel-Setting für das Individuum erreichen kann, sofern es motiviert ist und freiwillig erscheint. Daher war es nie mein Ziel, die Arbeit mit Einzelpersonen aufzugeben. Es kommt auch vor, dass Workshopteilnehmende später zu mir ins Coaching kommen, um auf individueller Ebene weiterzuarbeiten. Neben den Workshops und Coachings berate ich Unternehmen und Behörden hinsichtlich der Frage, welche Maßnahmen für sie sinnvoll sind. Es gibt viele Anbieter und Konzepte im Bereich gesunder Führung, aber nicht jede Maßnahme ist für jede Organisation geeignet. Hier kann man viel Geld verbrennen. Auch diese Tätigkeit bereitet mir großen Spaß.

Sie waren Oberärztin. Haben Sie aus dieser Führungsrolle Erfahrungen mitgenommen, die Ihre heutige Arbeit prägen?

Durchaus, allerdings ist meine Führungsrolle bei Kitchen2Soul, dem Unternehmen, das ich 2015 zusammen mit Katrin Große gründete, hier noch relevanter. In dieser Rolle ist mir nochmals sehr bewusst geworden, wie wichtig Selbstreflexion und Selbstregulation sind, um andere Menschen führen zu können. Ich merkte, dass ich es stark auf das Team übertrug, wenn ich gestresst war. Je nachdem, wie man in Stresssituationen reagiert, kann man sehr viel Ruhe oder auch Chaos ins Team bringen. Zum Glück hatte und habe ich Mitarbeitende, die mir Feedback geben und sagen können: „Wir merken, dass gerade irgendetwas nicht in Ordnung ist.“ Ich konnte das Feedback auch annehmen – zumindest nach einer gewissen Zeit. Feedback zu erhalten und anzunehmen, kann eine große Chance darstellen, positive Veränderungen anzugehen. Aus diesem Grund sind Beziehungen so wichtig – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Man sagt, je höher Führungskräfte aufsteigen, desto weniger ehrliches Feedback bekommen sie. Der Selbstreflexion ist dies nicht förderlich.

Sie bieten Trainings im Bereich der Arzt-Patienten-Kommunikation an. Wie sollte eine solche aussehen?

Oftmals treffen Ärzte unüberlegte Aussagen, mit denen die Patienten dann alleine gelassen werden und dekompensieren. Sagt der Arzt etwa „Oh, das sieht schlecht aus!“, kann dies der Selbstwirksamkeitserwartung des Patienten schaden. Es fehlt einfach häufig an Wissen darüber, was Kommunikation bewirkt. Das war damals – die Tätigkeit habe ich während meiner Zeit in der Klinik aufgenommen – der Anlass, hier aktiv zu werden. Grundsätzlich sind Aspekte förderlich, die in jeder Art der Kommunikation und Beziehung angebracht sind: Interesse zeigen, den Patienten ernst nehmen, mit ihm auf Augenhöhe sprechen, ihm zuhören und nicht sofort ins Wort fallen. Ärzte unterbrechen ihre Patienten – da gibt es unterschiedliche Studien – nach etwa 14 Sekunden. Das ist der Wahnsinn und natürlich führt dies auf Patientenseite zu Unzufriedenheit. Es geht dabei um die Haltung, mit der dem Patienten begegnet wird. Trete ich als Halbgott in Weiß auf oder zeige ich Empathie und stelle Fragen, durch die der Patient sich wahr- und ernstgenommen fühlt? Das Menschliche geht leider oft ein Stück weit verloren, wobei die Studiengänge mittlerweile mehr Wert auf das Thema Kommunikation legen.

Coaches begreifen ihr Gegenüber als Experte für sich selbst. Raten Sie dies auch den Ärzten?

Ja, definitiv. Ärzte sollten zudem die Ressourcen ihrer Patienten stärken und nicht nur defizitär denken. Coaching-Wissen ist für Ärzte sehr hilfreich. Allein zu verstehen, wie man Patienten über Fragestellungen motivieren kann, ist sehr wertvoll. Das Thema Motivation spielt ja eine riesige Rolle bei der Behandlung. Man denke an die Veränderungsmotivation. Wenn ein Diabetiker Gewicht verlieren sollte, sagt mancher Arzt: „Sie müssen abnehmen.“ Super, das ist ja sehr motivierend. (lacht) Von Grundkompetenzen im Coaching, in motivierender Gesprächsführung und von Ressourcenorientierung können Ärzte nur profitieren und ich versuche, dies zu vermitteln. Nach meiner Zeit in der Klinik arbeitete ich als niedergelassene Psychiaterin in einer kassenärztlichen Praxis. Daher weiß ich, dass die Rahmenbedingungen nicht einfach sind. Wenn man einmal im Quartal 15 Minuten mit einem Patienten hat, ist das in der Psychiatrie sehr wenig. Das bedingt starken Druck. Mit dem Patienten gute Gespräche zu führen, wird – das gilt auch für andere Fachrichtungen – institutionell nicht gefördert. Dennoch kann ich die zur Verfügung stehende Zeit gut oder schlecht nutzen, den Patienten beispielsweise ressourcenorientiert in seiner Resilienz stärken oder defizitorientiert schwächen. Leider spielt Resilienzförderung in der ärztlichen Ausbildung keine nennenswerte Rolle, obwohl gerade kranke Menschen Wege finden müssen, mit ihrer Situation umzugehen. Auf den Impuls, hier schon mit wenig recht viel erreichen zu können, reagieren viele Ärzte – aber natürlich nicht alle – mit großem Interesse.

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Eigene Werte finden

Eigene Werte finden: Inventur Ihrer Sehnsuchts-Objekte

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3–4 Minuten

Erweiterter Auszug aus: Tatjana Reichhart und Claudia Pusch: Selbstbestimmt. Wie wir mit Erwartungen umgehen und ein authentisches Leben führen“ (2022, Kösel Verlag).

Im Folgenden stelle ich Ihnen eine neue Übung von mir vor, um sich der Frage nach den eigenen Werten zu nähern, die erstmals in unserem Ratgeber „Selbstbestimmt“ 2022 veröffentlicht worden ist.

Kennen Sie Menschen, die oft davon erzählen, was Sie alles machen wollen, es aber nie tun? Diese Menschen leben nur „theoretisch“ ihren Traum (oder Ihr Leben) und verschieben ihre Vorhaben immer wieder in die Zukunft. Oftmals finden sich die unerfüllten, aber schon mal theoretisch angedachten Träume im Speicher, im Keller oder in der Garage: die Spiegelreflexkamera, die für die große Weltreise steht; das Surfbrett, dass das Gefühl von Jugend erhalten soll oder der SUV in der Innerstadt-Tiefgarage, der Ausdruck des „theoretischen“ Wunsches nach mehr Freiheit oder Naturverbundenheit ist. Aber theoretische Selbstbestimmung, theoretische Werte, ein theoretisches Verwirklichen des eigenen Lebensentwurfes bleiben halt irgendwo zwischen Ausreden und dem eigenen Tod stecken.

Machen Sie doch mal eine Inventur Ihrer Sehnsuchts-Gegenstände. Gehen Sie durch Ihren Keller, den Speicher, die Abstellkammer, durchkämmen Sie Safes oder das angemietete Self-Storage: Was finden Sie dort? Welche Träume liegen da brach? Was war der Grund, weshalb Sie diese Gegenstände angeschafft und vor allem weshalb Sie sie behalten haben? Was assoziieren Sie mit dem Snowboard, das seit 5 Jahren ungenutzt in der hintersten Ecke steht oder mit der Uhr im Safe? Welche Bedeutung hatte oder hat das, was Sie in den Kisten finden, die Sie seit Jahren nicht genau angesehen haben? Was sagen diese Objekte darüber aus, was Ihnen wichtig ist? Welche Werte repräsentieren sie? Vor allem die ideellen Werte? Wieso liegen diese Gegenstände in der hintersten Ecke des Schrankes oder unter 10 Kisten auf dem Dachboden mit bereits modrigem Geruch? Warum haben Sie sie nicht längst schon entsorgt oder verschenkt?  Vielleicht weil Sie sie an wichtige Ereignisse in Ihrem Leben erinnern, oder weil sie Wünsche und Ideen repräsentieren, um deren Umsetzung Sie sich noch kümmern wollten.

In einer Inventur (die nicht alles im Speicher und Keller erfassen muss, aber vor allem einige Dinge, die Sie schon lange nicht mehr genutzt haben) schreiben Sie nun auf, was Sie konkret mit dem Gegenstand assoziieren, welche Bedeutung er für Sie hat, weshalb Sie ihn gekauft haben und weshalb er noch da ist. Welchen Wert repräsentiert er? Vielleicht bemerken Sie auch, dass manche Dinge nicht mehr zu Ihnen, Ihrem Leben und auch Ihren Werten passen. Sie haben sich verändert. Vor allem markieren Sie bitte, welche Sehnsüchte Sie reaktivieren und umsetzen wollen. Passen Sie zu Ihrem Lebensstern Soll-Zustand und Ihrem Selbstbestimmungs-Projekt oder sollten Sie da nochmal nachjustieren?

GegenstandBedeutung / Wert dahinterWegwerfen oder reaktivieren?
 „Rennrad“
„Surfbrett“
„Fitness, Freiheit, Naturverbundenheit“ „Wollte ich immer mal lernen: Jugendlichkeit, Attraktivität, Reisen“„Reaktivieren“   „Wegwerfen: Ich werde das nie machen und es passt jetzt auch nicht mehr. Dafür fahre ich wieder Rennrad.“
 „Picknickkoffer“
„Gucci -Handtasche“
„Freundschaften, Selbstfürsorge, da Zeit für mich, und Entspannung“   „Erfolg, Karriere, es geschafft haben, Geld.“Reaktivieren     Behalte ich als Erinnerung, ich trage sie nie. Wichtiger als Prestige ist mir etwas Gutes zu schaffen, was Bestand hat.  “

Um Ihnen nun den  letzten Schliff Ihrer wesentlichen Werte zu geben, stellen wir Ihnen noch ein paar Fragen:

Wofür möchten Sie stehen? Wofür stehen Sie (ein)?

Wofür lohnt es sich Ihrer Meinung nach zu kämpfen?

Wenn Sie ein ‚Leitbild‘ für Ihr Leben formulieren sollten, was würden Sie dann schreiben? [1] 

Wenn ich Ihre engsten Freunde bitten würde, mir zu erzählen, wofür Sie leben und was Ihnen am meisten bedeutet, was glauben Sie, würden sie mir sagen? [2]

Welche Augenblicke in Ihrem Leben möchten Sie einrahmen, weil sie so schön waren? Was macht diese Momente aus und was haben Sie gemeinsam?

Fassen Sie nun für sich zusammen, was Ihre Haupt-Werte sind und notieren sie auf Karten oder in einem Journal. Gerade in stressigen Zeiten, werden sie Ihnen helfen, eine für Sie stimmige Priorisierung vorzunehmen und nicht jedes Mal neu entscheiden zu müssen, wozu sie „nein“ bzw. „ja“ sagen.


[1] Miller W.R. & Rollnick, S. (2015). Motivierende Gesprächsführung. Motivational Interviewing. Freiburg im Breisgau: Lambertus. S. 110

[2] Miller W.R. & Rollnick, S. (2015). Motivierende Gesprächsführung. Motivational Interviewing. Freiburg im Breisgau: Lambertus. S. 101

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Macht Arbeit psychisch krank?

Macht Arbeit psychisch krank?

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8–12 Minuten

Immer mehr Mitarbeitende leiden an psychischen Erkrankungen 

Die Rate an Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tage) aufgrund von psychischen Erkrankungen ist zwischen 2009 und 2018 um ca. 60% angestiegen ohne dass eine Stagnation in Sicht ist. Aktuell muss man mit durchschnittlich 299 Krankheitstagen aufgrund von psychischen Erkrankungen pro Jahr pro 100 Mitarbeiter*innen rechnen, wie der aktuelle Fehlzeitenreport der AOK aufzeigt. Nach Angaben der deutschen Rentenversicherung hat auch der Anteil psychischer und psychosomatischer Erkrankungen an den Frühberentungen stark zugenommen, sodass mittlerweile fast jede zweite Frühberentung auf eine psychisch bedingte Erwerbsminderung zurückgeht.

Als wären diese Zahlen nicht schon alarmierend genug, bildet sich in aktuellen, repräsentativen Umfragen unter deutschen Arbeitnehmer*innen ab, dass die subjektive Belastung noch viel höher liegt: mehr als 60 Prozent der Befragten fühlen sich oft gestresst und die Hälfte der Beschäftigten schätzt sich selbst als mäßig bis hoch Burnout-gefährdet ein und klagt über Beschwerden wie Rückenschmerzen, Erschöpfung oder Schlafstörungen.

Viele meiner Klient*innen, die sich Unterstützung durch Coaching und Beratung suchen, sowie viele der Mitarbeiter*innen und Führungskräfte in den Unternehmen, die ich im Gesundheitsmanagement unterstütze, berichten vor allem vom Gefühl gehetzt und fremdbestimmt zu sein, nur noch To-do‘s abzuarbeiten und sie berichten von der Angst nicht mehr mitzukommen, abgehängt zu werden und „etwas“, oftmals sogar „ihr Leben“, zu verpassen. 

Auch die Gestaltung des Arbeitsumfelds wirkt entsprechend auf das Wohlbefinden der Arbeitnehmer*innen ein.

Woher kommt dieses omnipräsente Gefühl von Überforderung, Sorgen und Hetze? Ist die Arbeit „schuld“? Sind wir eine psychisch kranke Gesellschaft (geworden)?

Ich möchte zunächst die zweite Frage beantworten und vor dem Hintergrund der Gesamtschau der Befunde verneinen. Fast alle wissenschaftlichen Ausführungen zu diesem Thema belegen, dass es heutzutage nicht mehr Menschen gibt, die an psychischen Erkrankungen leiden und dass die AU-Raten nicht die „wahre“ Prävalenz, also Krankheitshäufigkeit, wiederspiegeln. Weiterhin erkranken ungefähr ein Drittel der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben an einer diagnostizierbaren und behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung, am häufigsten treten Angsterkrankungen und Depression auf. Das war vor 15 bis 20 Jahren auch schon so. Allerdings holt sich immer noch nur die Minderheit der Betroffenen professionelle Hilfe, wie sich in repräsentativen epidemiologischen Studien gezeigt hat. Zu Hausärzten, Psychotherapeuten und Psychiatern kommen häufig die Menschen, die noch die Kraft aufbringen, Wartezeiten in Kauf zu nehmen und auch hartnäckig nach einem Psychotherapietermin zu verlangen. Und so spiegeln die AU-Bescheinigungen nicht die reale Krankheitslast einer Gesellschaft wider. Es wird diskutiert, dass immer mehr sogenannte „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ in den Vordergrund rücken und zu Diagnosen werden und somit auf den AU-Bescheinigungen und in den Statistiken auftauchen. Ärzte scheinen besser zu differenzieren zwischen körperlichen Beschwerden und psychischen Hintergründen dieser Symptome, z.B. berücksichtigen sie bei Rückenschmerzen den stressassoziierten Kontext eher. Auch die Patienten scheinen eher bereit zu sein über ihre psychischen Probleme zu sprechen und eine „psychische“ Diagnose anzunehmen und nicht auf die körperliche Erklärung der Symptome zu bestehen. Früher hatte man Rücken, heute ein Burnout. Burnout – im Übrigen- ist keine anerkannte Diagnose, allerdings eine Vorstufe bzw. ein Risikofaktor für das Entstehen einer Depression, Angststörung oder anderer Erkrankungen. 

Zusammenfassend können wir also festhalten, dass sich die gesellschaftliche Akzeptanz über psychische Beschwerden und Probleme zu reden und sich für diese Probleme – wenn sie denn nicht zu heftig sind – Unterstützung beim Arzt (inklusive Krankmeldung und eventuell Verordnung von Medikamenten) zu holen, erhöht hat und dass auch Ärzte sensibilisierter sind. Insgesamt kann dies vielfach dabei helfen psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln und damit einer Chronifizierung vorzubeugen. Kritisch anmerken möchte ich allerdings, dass gleichzeitig oft auch Probleme in der Bewältigung von schwierigen aber völlig normalen Lebensereignissen, zum Beispiel Konflikten, Todesfällen und Trauer, Trennungen und Stress am Arbeitsplatz, pathologisiert werden. Wirklich ernsthaft erkrankte Menschen, die an schweren Depressionen, Angststörungen oder Psychosen leiden, werden weiterhin stark stigmatisiert, stigmatisieren sich damit auch selbst und erhalten nicht zuletzt deswegen eher zu spät Hilfe. 

Wenn wir nun eigentlich nicht psychisch kränker sind als früher, warum fühlen wir uns dann so sehr unter Druck, ausgebrannt und gestresst bis hin zu dem Gefühl einfach nicht mehr „zu können“?

Auch dazu gibt es viel Diskussion und Spekulation. Die Veränderungen der Arbeitswelt und die Beschleunigung und zunehmende Komplexität, das hohes Maß an Unsicherheit und Instabilität, agile Arbeitsprozesse sowie weiterhin traditionelle, noch strak hierarchische und patriarchalische Unternehmenskulturen, in denen der Mensch als Ressource in den Hintergrund fällt, werden als Gründe aufgeführt. Unsere Welt ist volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig (VUCA) geworden.  Aber ist das neu? Waren unsere Vorfahren während der französischen Revolution und zwischen oder gar während der Weltkriege in stabileren Verhältnissen? Waren die Erfindungen der Dampflokomotive, des Telefons und des Automobils nicht auch mit Beschleunigung und Veränderung verbunden? Unterschätzen wir als Menschen der aktuellen Generationen vielleicht sogar unsere Resilienz, unsere seelische Widerstandsfähigkeit? Haben wir sogar vergessen oder gar nie gelernt, dass wir viel bewältigen und verkraften können, dass in Krisen Chancen liegen und sie uns sogar belastbarer für die Zukunft machen? Einige Autoren und Wissenschaftler sagen „ja“. Denn wir leben in unseren Breitengraden in den sichersten Zeiten überhaupt. 

Mangelnde Wertschätzung und wenig Handlungsspielraum bei der Arbeit wirken sich negativ auf die Gesundheit aus

Noch nie war das Risiko an Mord und Krankheit zu sterben so gering wie aktuell. Noch nie waren wir sozial so gut abgesichert und haben in solch einem Überfluss gelebt, wie gerade jetzt. Und gleichzeitig sind wir einer Negativität anheimgefallen, die durch klassische und soziale Medien befeuert wird. Selbstverständlich hat auch der Arbeitskontext Einfluss auf uns. Wenn wir die wesentlichen Studien zu der Frage: „welche Faktoren am Arbeitsplatz wirken wirklich negativ auf unsere (psychische) Gesundheit aus“ zusammenfassen, bleibt eine interessante Erkenntnis übrig: es ist nicht die vermeintliche ständige Erreichbarkeit, es sind nicht mal die dauernden Unterbrechungen oder die Digitalisierung, die uns ängstigen und „fertig“ machen, es sind vor allem die mangelnde Wertschätzung (nach dem Psychologen Siegrist) und ein zu geringer Handlungsspielraum bei komplexen Aufgabestellungen (nach dem Psychologen Karasek). Es gibt eine Vielzahl von Studien, die zeigen, dass Menschen, die sich für ihren Job oder eine Aufgabe engagieren bzw. verausgaben und gefühlt zu wenig Wertschätzung (durch Lob und Anerkennung der Führungskräfte, durch einen angemessenen Lohn aber auch durch Arbeitsplatzsicherheit und Aufstiegschancen) zurückerhalten und / oder dass Menschen, die zu wenig selbst darüber bestimmen können, wie sie komplexe Aufgaben lösen, die z.B. Micro-Management und stark kontrollierenden Führungskräften und Strukturen unterworfen sind, in negativen Stress geraten. Dieser wiederum ist mit einer erhöhten Auftretenswahrscheinlichkeit von Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eventuell auch Angststörungen assoziiert. Kommt neben mangelnder Wertschätzung, zu geringem Handlungsspielraum noch Ungerechtigkeit dazu, dann erhöht sich damit sogar das Risiko aufgrund einer Depression frühverrentet zu werden. Insgesamt muss allerdings im Auge behalten werden, dass uns die Arbeit grundsätzlich gesund erhält!  Arbeitslose Menschen, die damit aus sozialen Strukturen herausfallen, die in Unsicherheit mit Zukunftsangst und in Selbstzweifeln leben und die keiner sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen können, werden häufiger psychisch krank. 

Je mehr Stressoren von uns ferngehalten werden, umso weniger können wir lernen mit ihnen umzugehen

Wenn nun die Arbeitsplatzfaktoren nur zu einem Anteil dazu beitragen, dass wir uns so überfordert und gestresst fühlen, Ängste, Sorgen und Schlafstörungen haben, was sind dann weitere mögliche Ursachen?  Es hängt auch davon ab, wie wir mit Stress und Unsicherheiten umgehen, was wir überhaupt als negativ stressig bewerten, ob wir im Blick behalten, was im Leben wirklich wichtig und sinnstiftend ist, was zu einem zufriedenen Leben hauptsächlich beiträgt und woran wir den Erfolg unsres Leben messen. Und es hängt damit zusammen, ob wir während unseres bisherigen Lebens gelernt haben mit Unsicherheiten und Stressoren, belastenden Ereignissen und Herausforderungen umzugehen. Je beschützter wir aufwachsen, je mehr Probleme und Schwierigkeiten von uns ferngehalten werden oder wir ihnen aus dem Weg gehen, desto weniger trainieren wir unsere Kompetenzen mit Herausforderungen umzugehen, desto weniger Handlungs-Repertoire haben wir. Damit steigt unsere Angst, denn das, was wir nicht kennen und können, ängstigt uns noch mehr und lässt uns genau solche Situationen tendenziell erneut vermeiden; ein ungünstiger Kreislauf, der manchmal auch als „Hamsterrad“ bezeichnet wird. Von innen sieht ein Hamsterrad auch mal aus wie eine Karriereleiter. Wir machen uns abhängig von der Bewertung anderer, von durch die Medien und Werbung vorgegebene vermeintliche Bedürfnisse und deren Befriedigung und vergessen darüber, was wirklich wichtig im Leben ist, weil wir zu wenig reflektieren und Perspektivwechsel vornehmen. Wir sind nicht mehr gerne mit uns und unseren Gedanken alleine, – auch wieder aus einer Angst heraus-, denn es könnte sich ja zeigen, dass das was wir tun, wie wir leben, doch nicht das ist, was unseren Werten entspricht und wir wirklich wollen. Also treten wir weiter in der Mühle.  

Wertschätzendes Führungsverhalten wirkt sich positiv auf die Mitarbeiterebene aus 

Wie kommen wir also als Gesellschaft wieder zurück zu einem Gefühl von Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung und zu unserer seelischen Widerstandsfähigkeit? Zunächst die Frage, was Unternehmen dazu beitragen können, damit Mitarbeiter*innen sich weniger selbst ausbrennen aber auch weniger verheizt werden – und mir ist dabei wichtig zu betonen, dass den Unternehmen, die ja der Treibstoff einer Gesellschaft sind, hierbei eine enorme Verantwortung obliegt. Im Prinzip ist es ganz einfach und kostet nicht mal viel Geld oder Zeit: Wertschätzung leben, den Mensch wieder in den Fokus rücken, ein humanistischer Umgang miteinander auch mit sich selbst, denn Führungskräfte haben eine nicht zu unterschätzende Vorbildfunktion, Reflexion der Führungs- und Unternehmenswerte und vor allem Überdenken der Definition von Erfolg und der Überzeugung, dass dieser nur an Zahlen gemessen werden kann. In zahlreichen Studien konnte belegt werden, dass das Führungsverhalten direkten negativen aber auch positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit und das Stressempfinden der Mitarbeiter hat und, dass durch Führungskräfteschulungen nachhaltig Prävention betrieben werden kann. Und was kann nun jede*r für sich tun?:  Nicht darauf warten, dass sich andere, das Unternehmen, das System ändern werden und damit dann alles „besser“ wird. Sich nicht als Opfer der Umstände sehen und über die Umstände „verzweifeln“, sondern aktiv reflektieren und hinterfragen: „was kann ich konkret ändern?“ Was könnte das sein? Die positive Psychologie (nach Martin Seligman) und die Resilienzforschung bieten einige sehr einfache aber enorm wirkungsvolle Methoden: sich in Dankbarkeit zu üben ist mein Favorit. Indem wir uns täglich vor Augen führen, wofür wir dankbar sind, reduzieren wir – das zeigen etliche Studien – unsere Gefühle von Neid und Missgunst sowie unser Stresserleben, und verbessern unseren Umgang mit Unsicherheiten. 

Ein Leben ohne Stress, Sorgen und Ängste gibt es nicht

Neues ängstigt uns nicht so sehr, Unsicherheiten rauben uns nicht mehr den Schlaf, wir werden gelassener, weil wir uns auf das besinnen, was wir haben, was positiv ist. Wenn wir uns dann noch um ein gutes soziales Netz kümmern, das ist nämlich der wichtigste Faktor für ein zufriedenes Leben (nicht Ruhm, beruflicher Erfolg oder gar Geld), uns ein wenig in Achtsamkeit üben um den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen, -das einzige, was wir wirklich haben-, und unsere sogenannten Glaubenssätze oder innere Antreiber (z.B. „ich  muss es allen recht machen“, „ich möchte von allen gemocht werden“, „ich muss perfekt sein“) hinterfragen und reduzieren, dann leben wir auch in der „VUCA – Welt“ ein gutes und selbstbestimmtes Leben. Ein Leben ohne Ängste und Sorgen, ohne Schwierigkeiten, Konflikte, Trauer, Krankheit und Tod gibt es nicht. Allerdings sind wir in der Lage das alles gut zu bewältigen. „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“, sagte schon Aristoteles. 

Der Artikel ist zuerst hier erschienen: https://www.angstselbsthilfe.de/macht-arbeit-psychisch-krank/

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Wie wir gut für uns sorgen

Wie wir gut für uns sorgen

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7–11 Minuten

„Ich muss immer perfekt sein“, „erst die anderen, dann ich“, „ich darf niemanden enttäuschen“ – kennen Sie diese Sätze? Wenn ja, sind Sie nicht allein. Stress und Belastungen kommen nicht nur „von außen“, also durch bestimmte Umstände, wie Arbeitsdruck, Konflikte oder Schulden, sondern häufig auch von uns selbst. Wir pushen uns mit unseren – oft unbewussten – „Glaubenssätzen“ oder „inneren Antreibern“ noch zusätzlich, auch wenn es schon genug Stress „von außen“ gibt. Wir fühlen uns – und das ist nicht nur meine persönliche Erfahrung und die aus meiner Arbeit mit Klientinnen und Coachees – subjektiv gestresst, unter Druck und gehetzt und befinden uns im permanenten Zeitdruck und Optimierungswahn. Nach einer aktuellen Befragung von Procter & Gamble[1]  unter berufstätigen Müttern geben zwei Drittel an, immer 120 Prozent geben zu wollen. Sieben von zehn wollen stets alles perfekt machen. Und repräsentative Umfragen unter deutschen Arbeitnehmern zeigen kein entspannteres Bild: mehr als 60 Prozent fühlen sich oft gestresst. 

Die Hälfte der Beschäftigten schätzt sich als mäßig bis hoch Burnout-gefährdet ein 

Es wird über körperliche und psychische Beschwerden geklagt. Zum Stress-Ausgleich schauen die Befragten hauptsächlich fern oder surfen im Internet. Jeder Dritte trinkt Alkohol, um »runterzukommen«. Offensichtlich haben viele von uns verlernt, gut für sich zu sorgen, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und neben den Anforderungen des Alltags Ausgleich zu schaffen.  Das Thema Selbstfürsorge ist also höchst relevant. Und es hat sehr viel damit zu tun, die Verantwortung zur Gestaltung des eigenen Alltags zu übernehmen. Denn wir sind die Regisseure unseres Lebens: wenn wir nicht aktiv unser Leben in die Hand nehmen, machen das andere für uns und wir werden gelebt. Das Gefühl von Fremdbestimmung und Hetze kommt auf. Viele finden sich in einem Leben wieder, das sich gar nicht als das ihre anfühlt. Was können Sie also ganz konkret tun, um im besten Fall nicht in dieses Hamsterrad aus „Müssen“, „Getrieben sein“ und „Verpflichtungen“ zu geraten bzw. den Weg heraus wieder zu finden?

Der erste Schritt ist zu erkennen, dass es notwendig ist sich gut um sich zu kümmern.  Wir lassen uns impfen, damit unser Körper mit bestimmten Erregern leichter fertig wird, putzen Zähne um Karies zu vermeiden und waschen uns die Hände, um keine Keime zu übertragen. Wir können und müssen uns auch seelisch „pflegen“!  Aber ist das nicht egoistisch, fragen Sie sich vielleicht? „Ich kann mich doch nicht um mich kümmern, solange die To-do Liste noch nicht abgearbeitet ist, die Kinder und mein Partner noch zu wenig Zuwendung von mir erhalten und meine Freunde auch schon so lange nichts mehr von mir gehört haben….“. Doch können Sie, sollten Sie sogar, denn wenn Sie sich nicht um sich kümmern, werden Sie den Belastungen und Anforderungen des Lebens nicht dauerhaft standhalten können. Sie werden „außer Atem“ geraten, Ihr Fass wird sprichwörtlich überlaufen, Sie erschöpfen sich, werden unzufrieden, deprimiert und im ungünstigsten Fall sogar krank. Und dann können Sie auch nicht mehr für andere sorgen. 

Höchste Alarmstufe: Diese Anzeichen warnen uns vor einem Burnout

Unser Körper und unsere Psyche sind die besten Signalgeber: wenn wir drohen aus dem Gleichgewicht zu geraten schicken sie uns Warnzeichen, wie Kopfschmerzen, Ohrgeräusche, Schlafstörungen, Nervosität, Unaufmerksamkeit oder Gereiztheit, um nur einige zu nennen. 

Selbstfürsorge steht also zwischen den Extremen »Aufopferung/Ausbrennen« und »Egoismus« und ist sogar die Basis für soziales Verhalten. Denn wenn wir gut für uns sorgen, uns wertschätzen, uns auch mal was gönnen,  z. B. Erholung oder Schlaf auch wenn noch nicht alle to do´s erledigt sind, unsere wesentlichen Bedürfnisse befriedigen oder für unsere Werte einstehen, sind wir viel ausgeglichener und weniger neidisch oder missgünstig anderen gegenüber.  Selbstfürsorge ist damit der Grundpfeiler sozialen Verhaltens. Vielleicht haben Sie schon mal an sich selbst beobachtet: wenn Sie vergessen zu essen, sich dafür keine Zeit nehmen und dann hungrig in eine Diskussion zum Beispiel mit Ihrem Partner gehen, dann werden Sie viel eher streiten und gereizt reagieren. Ihr Gegenüber muss Ihren unbefriedigten Hunger und ihre miese Stimmung ausbaden. 

Was hält uns denn neben der Befürchtung egoistisch zu sein noch davon ab, gut für uns zu sorgen, wo es doch so wichtig ist? Jede hat ihre eigenen Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Die häufigsten Hindernisse zur guten Selbstfürsorge liegen aber meist in einem der folgenden Bereiche:

  • Sie kennen ihre eigenen Bedürfnisse gar nicht (mehr).
  • Sie haben hinderliche Glaubenssätze und innere Antreiber, bei deren Missachtung ein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle auftreten.  
  • Sie setzen die Prioritäten falsch und haben gleichzeitig ein ungünstiges Zeitmanagement bzw. wollen zu viel in der verfügbaren Zeit.

Der erste Schritt zu einem selbstfürsorglichen und selbstbestimmten Leben ist es zu identifizieren, was Sie persönlich davon abhält, gut für sich zu sorgen. Ihre persönlichen Warnzeichen kennen Sie ja bereits.

Nun stellt sich die Frage, wie Sie Ihre Hindernisse überwinden können.  

Ganz am Anfang haben Sie bereits typische Glaubenssätze kennengelernt, die uns oft unter Druck setzen und davon abhalten, gut zu uns zu sein. Es lohnt sich die eigenen Glaubenssätze zu identifizieren und zu hinterfragen, um schließlich neue Verhaltensweisen auszuprobieren. So könnte jemand, der aus Perfektionsansprüchen heraus bisher immer auch die Bettwäsche bügelt oder bevor die Gäste kommen, das ganze Haus putzt, und sich aber eigentlich unter Zeitdruck fühlt, genau diese Tätigkeiten reduzieren und schließlich auch ganz weglassen. Das wird am Anfang mit einem unwohlen Gefühl, vielleicht sogar Schuldgefühl oder schlechtem Gewissen, begleitet. Denn auf dem Weg aus der eigenen Komfortzone heraus steht eine Türsteherin und die heißt „Angst“ oder „Sorge“ (beispielsweise: „Das kannst Du doch nicht bringen“, „Was denken die dann von Dir?“, „Du darfst die doch nicht enttäuschen…!“). Es gilt trotzdem weiterzugehen und anderes Verhalten auszuprobieren und zu erleben, dass sich dieses zunächst unangenehme Gefühl mit der Zeit und ein paar Wiederholungen in ein freieres, selbstbestimmteres Gefühl wandelt und die ursprünglichen Befürchtungen meist nicht eintreten. Üben Sie in sich steigernden Stufen; Sie springen ja auch nicht sofort vom 10 Meter Brett, sondern tasten sich langsam heran. Und ja – echte Veränderung muss ein bisschen weh tun. Das merken Sie beim Sport besonders gut.

Wie finden Sie nun die nötige Zeit für sich und Ihre Selbstfürsorge? Indem Sie entdecken, was Ihnen wirklich wichtig ist im Leben, was für Sie zählt – was also Ihre Prioritäten sind. So lassen Sie sich weniger von Nebensächlichkeiten ablenken und behalten den Blick auf das Wesentliche.  

Verfassen Sie 15 min lang einen Nachruf auf Ihr Leben:

  • Wofür möchte ich meinen Freundinnen, Kollegen, Partnern, Kindern und so weiter in Erinnerung bleiben?
  • Was hätte ich wichtiger nehmen sollen, beziehungsweise was habe ich vernachlässigt?
  • In welchen Situationen (wo und wann, mit wem und was genau) war ich wirklich glücklich?
  • Was möchte ich für ein Mensch (in meinen unterschiedlichen Rollen als Mutter, Freundin, Kollegin und so weiter) gewesen sein?

Wenn wir zu Lebzeiten unser Leben „von hinten“ betrachten, bekommen wir eine Ahnung davon, was wirklich zählt. Meist sind die Begegnungen und die Zeit mit lieben Menschen gewichtiger, als Geld, Besitz oder Arbeitszeit. Kaum ein Sterbender hätte gerne mehr Zeit in der Arbeit verbracht oder mehr Dinge besessen…

Nachdem Sie sich mit Ihren Hindernissen auseinandergesetzt haben und wissen, was Ihnen wirklich wichtig im Leben ist, sollten Sie eine klare Entscheidung treffen: für sich und Ihre Selbstfürsorge als Basis für alles andere. Eine solche Entscheidung könnten Sie mit Erinnerungs-Symbolen verankern, um Ihr Ziel auch im Alltag nicht aus den Augen zu verlieren: zum Beispiel ein Foto am Schminkspiegel, ein bestimmter Bildschirmschoner am Smartphone, eine Verbündete, die Sie an Ihr Vorhaben erinnert oder der Eintrag zur Selbstreflexion im Terminkalender. Hauptsache, Sie installieren Erinnerungshilfen; für unser Unterbewusstsein sind dies hilfreiche Wegweiser. 

Wenn Sie so weit sind, haben Sie mehr als die Hälfte geschafft. Nun könne Sie sich aus einer Reihe von „Meilensteinen“, diejenigen aussuchen, die für Sie leicht im Alltag integrierbar sind. Die Meilensteine sind die Kompetenzen, die den Weg zu unserer Selbstfürsorge und damit persönlichen Widerstandsfähigkeit säumen. 

Dazu gehört es beispielsweis die eigenen Bedürfnisse zu spüren, ernst zu nehmen um dementsprechend zu handeln. Wenn Sie beispielsweise wahrnehmen, dass Sie müde sind, können Sie daraus das Bedürfnis nach Erholung oder Schlaf ableiten. Oder wenn Sie bemerken, dass Sie innerlich unruhig und angespannt sind, benötigt Ihr Körper Ruhe und Entspannung. Klingt einfach, mit ein bisschen Achtsamkeit wird Ihnen das auch gut gelingen. 

Achtsamkeit ist überhaupt ein wichtiger Faktor in Richtung Selbstfürsorge: wir wissen aus der Wissenschaft, dass wir so ein stärkeres Gefühl von Selbstbestimmung gewinnen und uns weniger fremdgesteuert und gehetzt fühlen. Unser Steuerzentrum im Gehirn wird aktiviert und wir reagieren nicht mehr im Autopilot-Modus, sondern können unsere Handlungen wieder besser regulieren. Halten Sie im Alltag regelmäßig für wenige Minuten inne, achten bewusst auf die nächsten 5  Atemzüge oder fragen sich: „wie geht es mir und was brauche ich im Moment?“  Sobald Ihre Gedanken abdriften, fangen Sie sie wieder ein und kommen mit Ihrem Fokus zurück auf das Atmen oder Ihr Befinden.

Üben Sie sich in Dankbarkeit

Ein weiterer wichtiger Meilenstein ist der realistische Optimismus. Diesen können Sie trainieren, indem Sie sich in Dankbarkeit üben. Zählen Sie jeden Abend an Ihren 10 Fingern ab, wofür Sie heute dankbar sind. Dies lenkt Ihre Gedanken von den „To do´s“ zu den „I have´s“. Das vermeintlich Selbstverständliche wird plötzlich sichtbar und sie bemerken, was Sie alles in Ihrem Leben bereits haben, wie „reich“ Sie sind. Ihre Körperhaltung spielt auch eine große Rolle um das Glas eher als halb voll zu sehen: mit aufrechtem, festen Stand und erhobenem Kopf erhält unser Gehirn per Botenstoffe Signale, dass es uns gut geht und wir die Herausforderungen meistern werden. Mit gesenkten Schultern und dem Blick auf den Boden gerichtet, wirkt alles viel negativer.   

Als einen weiteren zentralen Meilenstein gilt es Beziehungen zu pflegen und sich in sozialem Verhalten zu üben. Wenn wir anderen Menschen helfen, etwas Gutes tun, sie unterstützen – in einem ausgewogenen Maß natürlich- , sie wertschätzen und auch mal „danke“ sagen, tut uns das in der Rückkopplung – sogar über Botenstoffe vermittelt – selbst gut. Selbstfürsorge ist also alles andere als egoistisch.          

Suchen Sie sich aus den Anregungen eine Sache aus, die Sie spätestens in den nächsten 72 Stunden umsetzen werden und überlegen Sie, wie Sie sich an Ihr Vorhaben erinnern. Damit haben Sie den Grundstein für ein schönes, lebenslanges Projekt gelegt. Es macht Spaß und bringt Freude für Sie und Ihre Mitmenschen! 


[1] Procter & Gamble: Working Mom Studie 2017: Jede dritte Mutter fühlt sich alleinerziehend trotz Partner, https://www.presseportal.de/pm/13483/3622154, abgerufen am 12.9.2018

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Coaching – Selbstfürsorge und Verantwortung 

Coaching – Selbstfürsorge und Verantwortung

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8–11 Minuten

Raus aus der Opferrolle und selbst die Verantwortung übernehmen 

„Ich möchte ein gutes Leben haben.“, „Ich möchte am Ende wenig bereuen.“, Ich möchte mit Wohlbefinden altern. “, „Ich möchte weniger getrieben sein und mich weniger fremdbestimmt fühlen“. Sicher kennen Sie diese Wünsche von sich selbst oder von Ihren Klient*innen und Coachees. Egel welchen Alters, welchen Geschlechts, ob im Kontext des Jobs oder des Privatlebens, wir alle wollen wissen, wie ein gutes, selbstbestimmtes und freies Leben gelingen kann. Dieser Fragen haben sich die Philosophen der Antike schon angenommen und so erfindet die heutige Psychologie das Rad nicht neu. Viel mehr scheinen uns basale Kenntnisse zur Lebensführung verloren gegangen zu sein; vielleicht weil wir uns immer mehr von uns selbst und unserem Lebensraum entfremden und weil wir oftmals gar keinen Zugang mehr zu unseren Gefühlen, unserem Befinden und damit unseren Bedürfnissen haben. Wir wissen oft nicht, was uns guttut, was wirklich wichtig für uns und ein gutes Leben ist und wie wir dies selbstverantwortlich und selbstfürsorglich erreichen können. 

Was sind nun Meilensteine, die auf der Roadmap zum guten Leben liegen? Im Folgenden wähle ich vier aus, die wissenschaftlich belegt und meiner Erfahrung nach in der Coachingpraxis oder in der Selbstreflexion wichtig und hilfreich sind.

  1. Finden Sie heraus, was Sie wirklich brauchen und welche Bedürfnisse Sie haben 

Viele von uns vermögen es nicht (mehr) zu unterscheiden zwischen dem, was sie wirklich brauchen und dem, was sie sich darüber hinaus wünschen oder wollen. Ich brauche soziale Kontakte und ich will ein neues Auto. Das ist der Unterschied. Um zufrieden zu leben, muss ich aber über meine Bedürfnisse und über die Möglichkeiten zur Erfüllung dieser Bescheid wissen und ich muss verstehen, was ich wirklich brauche und was „nice to have“ aber nicht Glücks-entscheidend ist.  Die Philosophie regt an, sich zu fragen: „Hängt mein Glück davon ab?“ Wir können diese Frage anpassen: „Benötige ich dies wirklich für mein Glück? Ist dies wirklich zuträglich zu meiner Zufriedenheit, zu einem guten Leben?“ Damit würden wir ganz automatisch sinnvoll priorisieren, wie wir unsere begrenzten Ressourcen an Energie und Zeit einsetzen, um unsere tatsächlichen Bedürfnisse zu erfüllen. Es würde uns entschleunigen, weil wir unsere Zeit so nutzen würden, dass wir uns auf das konzentrieren, was wirklich zuträglich ist und wir leichter nein sagen könnten zu Dingen, die uns zwar als notwendig suggeriert werden, die letztendlich dann aber auch nur Zeit und Geld kosten wobei Geld zu verdienen wiederum Zeit kostet. Ein Kreislauf, der uns nicht zufrieden macht, wenn wir auf das falsche Pferd setzen. Wie finden wir heraus, was die „richtigen Pferde“ für unser Leben sind? Wir alle haben physiologische Grundbedürfnisse, die uns als Lebewesen vorgegeben sind. Dazu zählen beispielsweise Essen, Trinken, ausreichend Schlaf und Bewegung. Wie oft berauben wir uns aber genau der Erfüllung dieser Bedürfnisse? Wir beschäftigen uns oft schon mit der Erfüllung von Selbstverwirklichungsbedürfnissen (z. B. Karriere) oder der Erfüllung von „Träumen“ (Hausbau) und eben Dingen, die wir wollen aber nicht brauchen (Uhren, Autos), ohne dass unsere basalen Bedürfnisse, wie ausreichen Schlaf, genügend körperliche Aktivität und gesunde Ernährung erfüllt sind. Das bedeutet, dass ein Weg, um seine Bedürfnisse zu erkennen, darin besteht, sich an die physiologischen Bedürfnisse zu halten und erst einmal zu fragen: „sind diese erfüllt“, bzw. „wie kann ich dazu beitragen diese zu erfüllen?“ Erst danach können wir uns damit beschäftigen, was wir sonst noch benötigen für ein gutes Leben, nämlich ein gutes soziales Netz, ein Dach über dem Kopf, eine – im besten Fall- sinnstiftende Tätigkeit, Anerkennung und Verwirklichung. Wir lernen wieder mit uns in Kontakt zu kommen, wir lernen uns kennen, indem wir regelmäßig innehalten und uns fragen: „Wie geht es mir gerade körperlich, emotional und welche Bedürfnisse leite ich daraus ab?“.  

Unsere Gefühle und unser körperliches Befinden geben uns direkt Auskunft darüber, was wir wirklich brauchen. 

Bin ich beispielsweise gereizt und ungeduldig, kann das daran liegen, dass ich hungrig bin. Also ist mein Bedürfnis: essen. Bin ich müde und fühle mich erschöpft, habe ich ein Bedürfnis nach Ruhe und Erholung oder auch mal nach körperlicher Bewegung. Wenn ich mich traurig fühle, könnte ich ein Bedürfnis nach Trost und sozialer Eingebundenheit haben. Sind meine Nackenmuskeln verspannt, benötige ich Entspannung, Regeneration. Spüre ich einen Kloß im Hals, wenn mir mein Chef eine neue zusätzliche Aufgabe auf den Tisch legt, spüre ich, dass mir das zu viel wird und mein Bedürfnis ist: Abgrenzung und nein-sagen. Sie sehen schon, es ist nicht immer ganz einfach seine Bedürfnisse zu erfüllen. Wie geht das nun und wer ist dafür zuständig?

2. Sorgen Sie für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse 

Die Antwort liegt nahe: jede(r) für sich ist dafür verantwortlich gut für sich zu sorgen. Ich bin für die Erfüllung meiner Bedürfnisse selbst verantwortlich. Manchmal ist es hilfreich, wenn uns andere Menschen dabei unterstützen, z.B. unser Bedürfnis nach Liebe zu erfüllen. Allerdings kann ich dieses Bedürfnis auch erfüllen, indem ich andere Menschen liebe, ich also meinen Wunsch nach Liebe auslebe. Dies gilt für alle anderen Bedürfnisse, anders ausgedrückt „Werte“, wie Gerechtigkeit, Loyalität, Ordnung etc. auch.   Es wird niemand anderes für Sie ein gutes Leben leben.  Sie können nicht darauf bauen, dass der Chef sagen wird: „ach ich glaube das ist Ihnen jetzt zu viel“, ihr Partner wird Ihre Wünsche nicht von Ihren Lippen lesen können und ein Lebensabschnitt gestaltet sich nicht automatisch einfach so gut, auch wenn Sie sich das vielleicht wünschen. Manchmal fällt es leicht zu sagen:“ das hätten die doch merken müssen, dass ich nicht mehr konnte“; „meine Familie muss mich doch öfter besuchen, damit ich mich nicht so alleine fühle“ usw. Ja, das wäre schön. Und gleichzeitig gilt: Sie sind der Regisseur Ihres Lebens. Sie können und müssen bestenfalls ihr Leben in die eigenen Hände nehmen und steuern, egal wie die Umstände sind, egal wie anstrengend das ist und egal in welchem Lebensabschnitt Sie sich befinden. 

Sie müssen Ihre Bedürfnisse und Wünsche formulieren und klar ausdrücken. 

Am besten mit Ich-Botschaften, mit einer Begründung – nicht Rechtfertigung- und mit einem klar formulierten Wunsch. („Mir ist wichtig die Balance zu halten, daher werde ich diese zusätzliche Aufgabe nicht annehmen“ oder „Ich wünsche mir von Dir, dass Du pünktlich zu unseren Treffen kommst, da mir ein respektvoller Umgang untereinander wichtig ist.“) Sie können allerdings nicht erwarten, dass die anderen Menschen Ihre Bedürfnisse und Wünsche sofort respektieren und entsprechend handeln. Eine Ablehnung ist legitim. Sie erfüllen ja – hoffentlich- auch nicht alle Wünsche und Bedürfnisse der anderen. Das bedeutet nicht, dass sie überhaupt nicht von anderen Menschen abhängig sein dürfen, das kann kaum gelingen, wenn wir uns auf andere Menschen einlassen und lieben wollen.  Wir benötigen andere Menschen auch bei der Lösung von Problemen.  Es geht also nicht darum, möglichst unabhängig zu sein.  Sie können sich allerdings auch nicht ausschließlich auf andere verlassen und darauf, dass diese für ihr Glück aber auch für ihr Leid zuständig sind. Damit würden sie sich in eine ungünstige, fremdbestimmte und schwächende Opferrolle begeben. 

3. Raus aus der Opferrolle – love it, change it or leave it.

Indem Sie Selbstverantwortung übernehmen, kommen Sie ins Handeln, was Sie wiederum in Ihrer Selbstwirksamkeit stärkt. Es ist ein bekannter psychologischer Mechanismus, dass wir uns besser fühlen, wenn wir uns entscheiden, etwas zu tun, die Dinge also in die Hand nehmen, anstatt abzuwarten, sich abhängig zu machen und damit in Hilflosigkeit zu verharren. Dabei hilft es, sich die aktuelle Situation genau anzuschauen. Nehmen wir an, Sie haben herausgefunden, was Ihr Bedürfnis ist, nämlich mehr Kontakt zu einer Freundin zu haben, die sich aber seit Monaten nicht bei Ihnen gemeldet hat. Nun können Sie diese Situation analysieren, nach den Gesichtspunkten: 1.) „was kann ich verändern, beeinflussen?“ Zum Beispiel könnten Sie sich bei der Freundin melden, einen Termin vorschlagen oder mit einer guten Flasche Wein einfach bei ihr vorbeischauen. Und 2.) „Was kann ich nicht verändern oder beeinflussen?“. Sie können beispielsweise diese Freundin und ihre Charaktereigenschaften oder Beziehungsfähigkeit nicht ändern.  Konzentrieren Sie sich also auf das, was SIE tun können. Wie gehen Sie mit dem um, was Sie nicht steuern können, zum Beispiel wenn Ihre Freundin Sie einfach nicht treffen möchte? Nun haben Sie folgende Möglichkeiten: 1.) Sie nehmen es so an, wie es ist und akzeptieren den Wunsch Ihrer Freundin. Sie treffen sich, wenn es sich ergibt, warten aber nicht andauernd darauf, dass sie sich bei Ihnen meldet. Sie akzeptieren die Haltung Ihrer Freundin, Sie lassen von Ihren Wünschen und Erwartungen los. 2.) Sie entscheiden sich, dass Sie das so nicht akzeptieren können, dass Ihnen in einer Freundschaft andere Werte wichtig sind; Sie verlassen also die Situation und beenden die Freundschaft von Ihrer Seite aus. Den Trennungs-Schmerz darüber werden Sie aushalten und daran wachsen. Sie rennen nicht gegen Windmühlen, reiben sich auf oder ärgern sich, fangen nicht an die Freundin zu terrorisieren. Sie lassen stattdessen los. Das ist zuträglicher für ein gutes Leben. 3.) Sie lenken sich ab. Anstelle in Passivität und Hilflosigkeit oder in Groll und Schmerz zu verfallen, richten Sie sich anders aus und suchen aktiv nach neuen Kontakten oder verstärken andere Freundschaften. Wie Sie sehen, sind alle Varianten damit verbunden, dass Sie Entscheidungen treffen, dass Sie etwas aktiv tun. Akzeptanz und Loslassen sind aktive Entscheidungen und aktive Handlungen. 

4. Was ist das Wichtigste für eines guten Leben?  

Nun verrate ich Ihnen zum Schluss, was der wahre Schlüssel zum zufriedenen Leben ist. Die Harvard-Studie von Robert Waldinger und Kolleg*innen gibt Aufschluss. Sie begleitet die Entwicklung von 724 erwachsenen Männer schon über 75 Jahre lang. Jedes Jahr werden die Teilnehmer nach ihrer Arbeit, dem Familienleben, ihrer Gesundheit und Ihrem Wohlbefinden befragt um herauszufinden, was die wichtigsten Faktoren für ein gutes, gelingendes Leben sind. Die Ergebnisse dieser (und im Übrigen auch anderer Studien) zeigen: gute Beziehungen machen uns glücklicher und gesünder im Vergleich zu allem anderen. Einsamkeit ist hingegen schädlich. Es kommt dabei nicht nur auf die Anzahl der Freunde an und nicht darauf, ob man in einer festen Beziehung ist oder nicht, sondern auf die Qualität der engen Beziehungen. Die Menschen, die mit 50 am zufriedensten in ihren Beziehungen waren, waren die gesündesten im Alter von 80. 

Denn wenn ich mich nicht gut um mich kümmere, nicht auf meine Bedürfnisse achte, oder diese nicht befriedige, und dadurch zum Beispiel keine Energie habe, gereizt und gestresst bin, ja sage auch wenn ich nein meine, in einer Opferrolle verharre, kann ich anderen Menschen weniger gut Unterstützer und Freund sein. Selbstfürsorge bedeutet also auch sich um andere zu kümmern, anderen etwas Gutes zu tun und ist damit alles andere als egoistisch. Wir wissen aus der Neurobiologie, dass wir positive Botenstoffe ausschütten, die ein Wohlgefühl in uns auslösen, wenn wir anderen etwas schenken, anderen helfen oder andere unterstützen. Anderen etwas Gutes zu tun fördert also unsere eignen positiven Gefühle und lässt unser Leben damit zufriedener werden. Anfangs hatte ich die Frage vorgeschlagen: „Trägt dies zu meinem Glück bei?“ Nun möchte ich die Frage ergänzen: „Trägt dies, trägt mein Verhalten, trägt diese Entscheidung, trage ich zu meinem Glück und dem Glück der anderen bei?“

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in: healthstyle – Gesundheit als Lifestyle Ausgabe 4/2020

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Selbstbestimmt und frei!

Selbstbestimmt und frei!

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2–3 Minuten

Wie fühlen wir uns eigenständig und frei? Pippi Langstrumpf kann uns helfen! 

Das erste Mal begegnete mir Pippi in meiner Grundschulzeit und ich war von ihrer mutigen, selbstsicheren, frechen und gleichzeitig liebenswerten Art begeistert. War ich doch, so wie ich aufwuchs, eher eine Annika. Aber mein Pippi-Herz schlug schon immer. Über die Jahre des Älterwerdens hätte die Pippi in mir gerne mehr Mitsprache gehabt, ich ließ sie aber oft nicht. So geht es vielen: die Annika gewinnt Oberhand. Nichts gegen Annika; aber zu wenig Pippi-Eigenschaften, lässt uns unfrei und fremdbestimmt fühlen. Unsere Leben laufen dann nach äußeren Vorgaben, wir erfüllen „Pflichten“ und werden unzufrieden. Der Alltag ist geprägt von Hetze, Perfektionismus und ständigem „Tun“, wir verlieren den Raum fürs Spielen, Lachen und einfach mal „Sein“. Mir ging es so und das wollte ich ändern. Als Verhaltenstherapeutin wusste ich, wie wichtig Symbole sind, um uns an unsere Vorhaben zu erinnern. Wer hätte besser als Symbol für mein Projekt gepasst als Pippi? Sie macht sich ihr Leben so, wie es ihr gefällt. Wir können das auch tun, ganz ohne rosarote Brille und ohne gleich egoistisch oder der Welt entrückt zu sein. 

Drei Strategien für mehr Entscheidungsfreude: 

Konzentrier Dich auf das, was Dir Spaß macht und spiele. Frei nach dem Motto: „Womit beschäftige ich mich gerne aus eigenem Antrieb, bei welchen Tätigkeiten vergesse ich die Zeit?“ Genau das macht Pippi Langstrumpf. Wenn Du etwas tust, weil es Dir aus sich heraus Spaß bereitet und nicht, weil Du dadurch etwas bekommen oder erreichen möchtest, fühlst Du Dich automatisch freier! Woher die Zeit nehmen? Reduziere Deinen Medienkonsum und spiele stattdessen.

Sei ein bisschen wie Pippi und mach in Deinem Alltag täglich etwas „Verrücktes“. So dehnst Du  Deine Komfortzone und Deine Selbstbestimmung wird größer. Wie wichtig ist es dir, was andere über dich denken? Hast Du Angst davor, dass Du nicht mehr geliebt wirst, wenn Du bestimmte Erwartungen nicht erfüllst? Alles Freiheits-raubende Gitterstäbe, mit denen du dich selber in deinem Kopf in ein Gefängnis sperrst. Indem du dich deinen Ängsten stellst und deine Komfortzone verlässt, lernst du, dass du dir viel mehr „erlauben“ kannst und dass du viel stärker bist! Pippi ist das stärkste Mädchen der Welt! Und Pippi macht oft „verrückte“ Dinge: sie trägt auffällige Kleidung, schläft verkehrt herum im Bett und rollt den Plätzchen Teig am Boden aus.  Deine persönlichen „Verrücktheiten“  könne ganz klein sein, Hauptsache sie breiten dir ein wenig Unbehagen und sind ungewohnt für dich.

Achte auf Deine Körperhaltung! Pippi steht aufrecht, Brust raus, die Hände an der Hüfte, oder sie legt ganz frech die Füße auf den Tisch. Laut der Sozialpsychologin Amy Cuddy überträgt sich das Einnehmen solcher „Power-Posen“ auf unseren Gehirnstoffwechsel. Es aktiviert die Ausschüttung des Machthormons Testosteron und reduziert die Ausschüttung des Stress-Hormons Cortisol. Wir fühlen uns dadurch gleich viel stärker und gelassener. 

Und das hilft uns dabei mutige Entscheidungen zu treffen: meine Pippi in mir hat wieder die Oberhand gewonnen.  2015  gab ich meine Anstellung auf und gründete mit meiner Grundschulfreundin Katrin das Coaching- Café Kitchen2Soul in München, unsere eigene Villa Kunterbunt.