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Wie gelingt gesunde Führung?

Wie gelingt gesunde Führung?
Interview im Coaching Magazin 04/2023

Lesedauer

16–23 Minuten

Führungskräfte sind mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert. Ihre Teams sollen wirtschaftliche Ziele verwirklichen. Gleichzeitig gehört es zur Verantwortung einer Führungskraft, Bedingungen zu schaffen, die dem Erhalt der psychischen Gesundheit der Mitarbeitenden dienen. Dass hierin keinesfalls ein Widerspruch zu sehen ist, weiß Dr. Tatjana Reichhart, die im Bereich gesunder Führung coacht. Was eine gesundheitsförderliche Führungspraxis ausmacht und weshalb auch Ärzte von Coaching-Know-how profitieren, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Interview. 

Dr. Tatjana Reichhart im Gespräch mit David Ebermann

Seit 2015 coachen Sie Führungskräfte im Bereich der gesunden und werteorientierten Führung. Was macht gesunde Führung aus?

Bei gesunder Führung geht es um die Frage, wie sowohl die Mitarbeitenden als auch die Führungskräfte widerstandsfähig, sprich resilient, bleiben. In der VUCA-Welt sind die Menschen mit vielen Veränderungen, Herausforderungen und Krisen konfrontiert. Und zwar nicht nur innerhalb der Unternehmen, denn gesellschaftliche Probleme, die bewältigt werden müssen, kommen hinzu. Zudem hat jeder Mitarbeiter und jede Führungskraft ein Privatleben, in dem es Stressoren und schwierige Situationen geben kann. Eine gesunde und resiliente Führungspraxis trägt vor diesem Hintergrund dazu bei, dass die Führungskraft selbst gesund und leistungsfähig bleibt und die Mitarbeitenden gleichzeitig darin unterstützt, ebenfalls ihre Kraft zu erhalten. Wenn ich als Führungskraft oder Mitarbeiter keine Energie mehr habe, kann ich weder effektiv noch produktiv sein und auch keinen Mehrwert für das Unternehmen generieren. Im unternehmerischen Kontext geht es selbstverständlich immer auch um Leistung. Gesunde Führung bedeutet nicht, alle relaxen zu lassen oder nie eine Deadline vorzugeben. Stattdessen geht es um einen verantwortungsvollen Umgang mit den gegebenen Anforderungen. Zu berücksichtigen ist auch die organisationale Ebene. Wie ist die Organisation aufgebaut? Wie sehen die Strukturen aus? Ist es überhaupt möglich, mit der Anzahl an vorhandenen Mitarbeitenden die aufkommende Arbeit zu bewältigen? Alle drei Ebenen – Organisation, Führung und die Teams – wirken zusammen. Auch ein Mitarbeiter trägt die Verantwortung, sich zu fragen: Wie gehe ich individuell mit Stress um? Wie kann ich meine eigene Resilienz stärken? Wer z.B. überaus perfektionistisch ist, setzt sich womöglich selbst über das notwendige Maß hinaus unter Druck, ohne letztlich Ergebnisse zu liefern. Das kann krank machen. 

Inwiefern geht es in diesem Kontext um Werteorientierung?

Führungskräfte sollten sich grundsätzlich darüber klar werden, wofür sie stehen wollen, was ihnen wichtig ist und wie die daraus resultierenden Handlungen wirken. Das muss sich nicht nur auf die Arbeit beziehen, sondern kann auch das Leben im Allgemeinen betreffen. Es geht nämlich zunächst einmal darum, zu verstehen, was generell wichtige Werte für uns Menschen sind. Oft wird uns suggeriert, dass Status unglaublich wichtig und wertvoll sei. Für Einzelne mag das auch so sein. Der Gesundheit des Menschen zuträglich sind aber vor allem Werte wie soziales Miteinander, Verbundenheit, Selbstbestimmung oder das Gefühl, Handlungsspielraum zu haben. Auch Wertschätzung ist hilfreich, weil sie Stress puffern kann. Aus Studien wissen wir, dass Menschen entspannter und belastbarer werden, wenn sie Wertschätzung erfahren. Eine Führungskraft sollte sich aber nicht nur die Kappe der Wertschätzung aufsetzen, wenn sie auf der Arbeit erscheint. Vielmehr ist dies eine Frage der Haltung. Im Coaching starte ich gerne mit der Frage: „Warum sind Sie Führungskraft geworden?“ Sie bietet einen guten Einstieg in das Thema Werte. Dann gilt es natürlich zu reflektieren, ob das Leitbild des Unternehmens zu den Werten passt, an denen die Führungskraft ihre Arbeit ausrichten möchte.

Fungieren Führungskräfte hinsichtlich ihrer Selbstführung als Vorbilder im Unternehmen?

Unbedingt. Menschen orientieren sich an Vorbildern – und zwar insbesondere innerhalb hierarchischer Strukturen. Mitarbeitende werden sich hinsichtlich ihrer Einschätzung des von ihnen erwünschten Verhaltens immer auch daran orientieren, was ihre Führungskraft vorlebt. Schreibt eine Führungskraft an den Wochenenden E-Mails, was in fast jedem Unternehmen vorkommt, hilft es wenig, wenn sie ihren Mitarbeitenden sagt oder dazu schreibt, dass sie am Wochenende keine Antworten erwartet. Das Handeln ist entscheidend und bestimmt den Subtext. Verabschiedet sich eine Führungskraft hingegen pünktlich zum Feierabend mit den Worten, „ich gehe noch zum Sport“, hat dies auch eine Vorbildfunktion, weil vorgelebt wird, sich Zeit für die eigenen Bedürfnisse zu nehmen. Eine Anekdote: Ich kenne ein Unternehmen, in dem ein Ruheraum eingerichtet worden ist. Den Mitarbeitenden wurde gesagt, sie sollten da ruhig mal reingehen – nicht um zu arbeiten, sondern um von Zeit zu Zeit abseits des Großraumbüros Ruhe zu finden. Der Raum blieb aber immer leer. Weshalb? Weil er nie von einer Führungskraft betreten wurde. Wenn es um gesunde Selbstführung geht, kann die Beeinflussung der Teams durch die Führungskräfte also in beide Richtungen gehen und negativ oder auch positiv ausfallen. Übrigens: Auch Coaches sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und z.B. die eigenen Werte aufgearbeitet haben sowie eine gesunde Selbstführung praktizieren, um in ihrer Arbeit authentisch an entsprechenden Themen arbeiten zu können.

Sind sich die Führungskräfte ihrer Vorbildfunktion bewusst oder gilt es im Coaching, zunächst ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen?

Die meisten Führungskräfte, mit denen ich in Coachings oder auch Workshops arbeite, unterschätzen ihre Vorbildfunktion. Ihnen ist tatsächlich nicht bewusst, wie stark ihr Einfluss auf die Mitarbeitenden ausfällt. Spreche ich dies im Coaching an, heißt es oftmals: „Aber ich gebe doch ausdrücklich Raum für eigene Entscheidungen und erwarte nicht, dass am Wochenende gearbeitet wird.“ Dass es vor allem relevant ist, die kommunizierten Werte auch vorzuleben, ist dann für viele eine wichtige Erkenntnis. Daher geht es in den Coachings viel um Sensibilisierung durch Bewusstmachung und Selbstreflexion, die anhand von Rollen- und Perspektivwechseln erfolgt.

Welche Rolle spielen dysfunktionale Glaubenssätze, wenn Führungskräfte beispielsweise schonungslosen Ehrgeiz oder übertriebene Perfektion vorleben?

Dysfunktionale Glaubenssätze und Werte spielen – übrigens unabhängig vom Geschlecht – oft eine Rolle. Wer von der Gesellschaft, von Medien oder seinen Eltern gelernt hat, dass Leistung alles im Leben sei, und Erfolg nur über materielle Werte und Status definiert, wird wahnsinnig viel Energie investieren, um genau dies zu erreichen. Blickt man hinter solche Glaubenssätze, kommen in der Regel andere Motive zum Vorschein: z.B. das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit kann sich in einem ungesund hohen Leistungsanspruch niederschlagen, weil die Person Angst hat, ausgeschlossen zu werden, wenn sie nicht die erwarteten Ergebnisse liefert. Gefördert werden Muster wie diese oftmals schon früh – beispielsweise dann, wenn ein Kind von der Schule kommt und erzählt, dass es eine Zwei geschrieben hat, und die Eltern entgegnen, dass es nächstes Mal eine Eins sein möge. Leistungsdenken ist nichts Schlechtes, aber es geht um das Maß. 

Wenn eine Führungskraft nicht mehr frei entscheiden kann, ob sie am Wochenende arbeiten will oder nicht, weil sie sich so sehr getrieben fühlt, ist dies bedenklich. Die Führungskraft handelt dann nicht mehr frei und selbstbestimmt, sondern ist in ihren Glaubenssätzen oder in vermeintlich von außen an sie gerichteten Erwartungen gefangen. Im Coaching lohnt es sich, herauszufinden, was die Person antreibt. Um Befürchtungen zu hinterfragen, bietet es sich auch an, zu reflektieren, was denn schlimmstenfalls passiert, wenn etwa eine Deadline gerissen wird. Oftmals erwächst daraus große Freiheit, die mit reduzierter Anspannung und einem niedrigeren Stresslevel verbunden ist. Die Führungskräfte sind anschließend nicht weniger produktiv. Überhaupt nicht! Stattdessen sind sie beispielsweise besser in der Lage, auf Mikromanagement zu verzichten oder ihren Perfektionismus auf ein praktikables und verhältnismäßiges Niveau zu reduzieren. Sie verstehen, dass sie nicht ausschließlich an Leistung gemessen werden, sondern auch unabhängig davon – als Menschen – wertvoll sind. Im Sinne der gesunden und resilienten Führung kann sie dies zu besseren Führungskräften machen, weil sie den vorher verspürten, sehr starken Druck nicht mehr an die Mitarbeitenden weitergeben.

Kommt gesunde Führung dem Leistungsgedanken mittel- und langfristig sogar zugute?

Ja. Wer gesund führt, hält auch den Marathon durch. Wer seine Antreiber kennt, überträgt sie nicht unreflektiert auf andere und stärkt seine Selbstregulationsfähigkeit, die einer der wichtigsten Resilienzfaktoren ist. Die Person ist nicht mehr von einem Reiz-Reaktions-Automatismus getrieben, sondern kann selbstbestimmt handeln und dadurch priorisieren, strukturieren und in schwierigen Situationen Ruhe ins Team bringen und diesem Orientierung geben, was ein wichtiger und originärer Teil der Führungsaufgabe ist.

Werden Sie eher vorausschauend beauftragt oder wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?

Workshops zum Thema gesunde Führung finden eher präventiv statt. Bei den Coachings ist das Kind häufig schon zumindest halb in den Brunnen gefallen, wenn ich die Anfrage erhalte. Jedenfalls gibt es eine Not, wenn eine Führungskraft mich kontaktiert und sagt: „Ich brauche jetzt ein Coaching.“ Allerdings gibt es auch Unternehmen, in denen es zum Standard der Führungskräfteentwicklung gehört, dass sich Personen, die eine Führungsrolle antreten, im Rahmen eines Coachings mit sich selbst beschäftigen. Ich finde das großartig.

Laut einer Studie des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung ergreifen nur 38,3 Prozent der Organisationen schon heute Maßnahmen im Bereich der gesunden Führung, obwohl das Thema immer wichtiger werde. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Auf jeden Fall. Anzumerken ist allerdings, dass überhaupt erst in den letzten Jahren eine echte Entwicklung stattgefunden hat. Zuletzt hat die Corona-Pandemie nochmals deutlich gezeigt, dass das Thema psychische Gesundheit im Arbeitskontext relevant ist. Als ich 2007/2008 – ich arbeitete noch als Ärztin an der Klinik – angefangen habe, mich in einer Arbeitsgruppe intensiver mit der Thematik zu befassen, gab es in den Unternehmen selten ein Bewusstsein für die Bedeutung psychischer und mentaler Gesundheit am Arbeitsplatz. Sprach man mit Personalverantwortlichen und Führungskräften, hörte man noch Sätze wie: „Bei uns arbeiten vor allem Männer. Die haben es am Rücken und nicht an der Psyche.“ (lacht) Das wäre heute gar nicht mehr vorstellbar. Seither hat sich einiges getan und wir sind auf dem richtigen Weg. Die Bereitschaft, sich mit sich selbst zu beschäftigen, nimmt meiner Wahrnehmung nach immer mehr zu – auch bei Männern, die sich erfahrungsgemäß etwas schwerer damit tun, sich mit ihren Verletzlichkeiten auseinanderzusetzen. Geht ein Coach sensibel an entsprechende Themen heran, ist die Bereitschaft da.

Welche Rolle spielt das Thema Burnout-Prävention in Ihren Coachings?

Das Thema ist weiterhin relevant, wenngleich der Begriff seltener verwendet wird. Die Leute sagen nicht gerne: „Ich kann einfach nicht mehr.“ Das ist durchaus stigmatisiert. Daher kommen sie stattdessen ins Coaching, um z.B. eine „Lösung für den Umgang mit Stress“ zu finden. Insofern sind Begriffe wie Resilienzstärkung oder Förderung der Widerstandskraft dankbarer. Letztendlich geht es aber bei allen Coachings, die auf einen besseren Umgang mit Stress und Herausforderungen zielen, immer auch darum, keinen Burnout zu bekommen und in der Folge nicht krank zu werden. Burnout ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von Depressionen, Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen etc. Davor will Resilienzförderung schützen.  

Woran ist zu erkennen, dass jemand bereits einen Burnout aufweist?

Die Menschen können sich aus eigener Kraft kaum noch erholen und erleben selbst dann, wenn sie im Urlaub sind, kein Gefühl von Regeneration. Ihre Leistungsfähigkeit sinkt – verbunden mit einem Gefühl von körperlicher und psychischer Erschöpfung. Nicht selten bedingen erlebte Frustration und Verbitterung zudem einen bösartigen Zynismus. Betroffene reißen sich oftmals lange zusammen und sind hochengagiert, bis sie an einen Punkt kommen, an dem es schlagartig nicht mehr geht. Hier kommt wieder die Führung ins Spiel, denn im beruflichen Kontext ist sie häufig der Auslöser, der das Fass letztlich überlaufen lässt. Beispielsweise dann, wenn man seine ganze Energie aufopferungsvoll in ein Projekt investiert hat, das dann in der Schublade des Chefs verschwindet. Weist jemand die genannten Merkmale auf, kann man ihn fragen: „Was würden Sie machen, wenn Sie wie durch ein Wunder plötzlich alle Energie zurückhätten?“ Von Burnout Betroffene werden häufig antworten: „Dann würde ich sofort wieder … machen oder … in Angriff nehmen.“ D.h., sie fühlen sich noch getrieben, ihnen fehlt nur die Energie für die Umsetzung. Jemand mit einer Depression würde hingegen mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass er gar nicht weiß, was er dann täte, weil er ohnehin an allem das Interesse verloren hat. Hier liegt eine Art Trennlinie zweier Zustände, die sich auf den ersten Blick sehr ähneln können.

Risiken können ebenso im Privaten liegen, während die Arbeit der psychischen Gesundheit zuträglich sein kann …

Eindeutig. Es ist unbedingt festzuhalten, dass Arbeit nicht per se krank macht. Im Gegenteil: Sie kann ein nicht zu unterschätzender Schutzfaktor sein, indem sie soziale Eingebundenheit, finanzielle Absicherung, Anerkennung, Erfolg, Lernen, Entwicklung und Struktur ermöglicht. Wir wissen, dass Menschen, die ihre Arbeit verlieren, ein sehr viel höheres Risiko für psychische Erkrankungen haben. Psychische Gesundheit und Resilienz brauchen immer eine Ausgewogenheit von Gegensätzen: Anspannung und Entspannung, Anregung und Erholung, Tun und Sein. Es ist auch nie nur die Führung allein schuld, wenn ein Teammitglied eine starke Belastung aufweist, aber selbstverständlich gibt es Untersuchungen, die klar belegen, dass Führungskräfte einen signifikanten Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeitenden haben.

An der Kitchen2Soul-Akademie bieten Sie seit 2019 eine Ausbildung im Bereich Resilienz an. Worauf zielt das Angebot?

Menschen sind eine sehr widerstandsfähige Spezies, sonst gäbe es uns nicht mehr. Die grundsätzliche Fähigkeit, resilient zu sein und mit schwierigen Situationen umzugehen, hat uns die Natur mitgegeben. Das ist eine gute Nachricht, die wir in der Ausbildung auch vermitteln. Wenn wir an dieser Fähigkeit zusätzlich arbeiten, sie ausbauen und dadurch hilfreiche Ressourcen und Kompetenzen entwickeln, sind wir umso besser auf Herausforderungen vorbereitet und können unsere Widerstandsfähigkeit erhalten. Die Ausbildung soll dazu befähigen, andere hierin zu unterstützen. Wir wollen den Teilnehmenden das hierfür notwendige, wissenschaftlich fundierte Theoriewissen vermitteln, ihnen aber auch das praktische Handwerkszeug für die Anwendung an die Hand geben. Selbstverständlich lernen unsere Teilnehmenden im Rahmen der Selbsterfahrungsanteile auch, wie sie ihre eigene Resilienz stärken. Laut einer Untersuchung einer Krankenkasse schauen sehr viele Menschen fern, um Stress abzubauen. Andere greifen zu Alkohol. Das sind ungünstige Strategien. Dabei gibt es viele einfache und effektive Möglichkeiten der Stressregulation – soziale Kontakte, Optimismus, Sinn- und Werteorientierung etc. Auch dies war ein Grund, mit dem Angebot an den Markt zu gehen. Die Ausbildung habe ich zusammen mit Claudia Pusch konzipiert und wir führen sie auch zusammen durch. Das passt sehr gut, weil wir beide Vorerfahrungen im Thema haben und fachliche Hintergründe mitbringen, die sich gewinnbringend kombinieren lassen. Sie ist systemische Therapeutin und Coach. Ich komme aus der Verhaltenstherapie und arbeite ressourcenorientiert.

An wen richtet sich die Ausbildung?

Das Feld ist breitgefächert. Es nehmen sowohl bereits ausgebildete Coaches, die sich im Bereich Resilienz weiterbilden und spezialisieren wollen, als auch Führungskräfte und Personalverantwortliche teil, die das erworbene Wissen in ihre Unternehmen tragen und dort als Multiplikatoren auftreten sollen. Ebenfalls haben wir Teilnehmende aus sozialen bzw. pädagogischen Berufen – etwa Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie Lehrkräfte. Es haben auch schon Piloten und Rechtsanwälte teilgenommen, die mehr darüber erfahren wollten, wie der Mensch funktioniert. Es sind also nicht alle Teilnehmenden als Coaches tätig. Für Personen, die noch keine Coaching-Ausbildung absolviert haben, aber Coach werden wollen, bieten wir – in einer Art Baukastensystem – weitere Bestandteile an. Systemisches Coaching und Aufstellungsarbeit kommen dann als Basiselemente hinzu, um auch die notwendigen Grundkompetenzen zu erwerben.

Im Kontext Resilienz legen Sie Wert auf Konzepte aus der positiven und ressourcenorientierten Psychologie. Weshalb?

Das ergibt sich aus der Forschung. Resilienz verändert sich im Laufe des Lebens. Die Fähigkeit, trotz Stressoren psychisch gesund zu bleiben bzw. aus Krisen gestärkt hervorzugehen, ist keine starre Persönlichkeitseigenschaft. In unserem Fachbuch „Resilienz-Coaching“, das als Türöffner in die Thematik fungieren und deren Relevanz unterstreichen soll, behandeln Claudia Pusch und ich sechs Resilienzfaktoren. Einer davon ist der Optimismus, der einen großen Einfluss auf die Widerstandsfähigkeit hat. Antworten auf die Frage, wie sich Optimismus trainieren und stärken lässt, sind in der Literatur zur positiven Psychologie zu finden. Es geht hier nicht darum, sich die Welt zu machen, wie sie einem gefällt. Es ist nicht immer alles rosarot. Stattdessen bedeutet Optimismus in diesem Kontext, beide Seiten zu sehen – also auch die positive. Man könnte demnach auch von Zuversicht sprechen. Der Mensch hat einen Negativitäts-Bias. Er nimmt Negatives wie Gefahren und Bedrohungen stärker wahr als Positives. Das ist evolutionsbiologisch erklärbar. Manchmal denken wir am Ende eines Tages, dass alles schlecht war. Nüchtern betrachtet findet man aber neben den weniger schönen fast immer auch gute Aspekte. Richtet man sein Augenmerk auch bewusst auf das Positive, gibt dies Energie und Ressourcen, um überhaupt weit sehen zu können. Wer sich nur im Stress befindet und dauerhaft auf Schlechtes fokussiert, ist eingeengt und kann nicht lösungsorientiert handeln. Letzteres ist aber wichtig, denn auch die Lösungs- und Zukunftsorientierung wirkt stärkend.

Wie bildet sich dieses Wissen um den Wert des Optimismus in gesunder Führung ab?

Ein einfaches Beispiel sind Teammeetings. Richten Führungskräfte den Fokus nur auf das, was nicht gut gelaufen ist, oder rücken sie neben Defiziten auch Erfolge in den Blickpunkt? Und wie gewichten sie beide Seiten zeitlich? Führungskräfte sollten auch die erlebte Selbstwirksamkeit ihrer Teams im Blick haben. Selbstwirksamkeit als Resilienzfaktor bedeutet, dass die Führungskraft ihren Mitarbeitenden Leitplanken gibt, ihnen innerhalb dieses Handlungsrahmens aber auch Gestaltungsspielraum lässt und sie in ihrer Lösungsorientierung unterstützt, ohne Mikromanagement zu betreiben. Führungskräfte, die Verantwortung abgeben, unterstützen die Selbstwirksamkeit ihrer Teammitglieder.

Sie sind Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Weshalb haben Sie diesen Weg eingeschlagen?

Der Mensch und die Frage, wie er funktioniert bzw. wie er nicht funktioniert, haben mich schon immer interessiert, jedoch wollte ich mich – ich übertreibe jetzt etwas – nicht so gerne mit Kniegelenken, Lebern und Nieren befassen. (lacht) Ich fand es spannender, mich mit dem Gehirn, dem Sitz der Psyche des Menschen, auseinanderzusetzen. Ich hatte bereits ein Jahr lang Kommunikationswissenschaften studiert und wechselte dann zur Medizin. Es fiel mir allerdings schwer, mich zwischen Psychologie und Medizin zu entscheiden. Im Nachhinein bin ich froh, Medizin studiert und als Ärztin gearbeitet zu haben. Wenngleich ich nicht der Meinung bin, dass Coaches zwingend eine medizinische oder therapeutische Ausbildung brauchen, stellt die Medizin ein sehr gutes Fundament hinsichtlich dessen dar, was ich heute mache. Zu wissen und zu verstehen, was in jemandem passiert, der krank ist, hilft mir ungemein bei der Prävention.

Sie arbeiteten an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München und anschließend als niedergelassene Fachärztin. Warum haben sie diese Tätigkeit zugunsten des Coachings aufgegeben?

Ich bin verhaltenstherapeutisch ausgerichtet und viele Strategien, die man im Coaching nutzt, stammen aus der Verhaltenstherapie, sodass es bereits eine methodische Nähe gab. Ich engagierte mich zudem in einer Arbeitsgruppe, die sich mit psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz befasste, das Thema beforschte und Workshops in Unternehmen und Behörden anbot. Die Thematik hat mich sehr interessiert und so hat sich alles Weitere nach und nach entwickelt.

Sind Sie im Zuge der Workshops an Punkte gestoßen, deren Bearbeitung des Einzel-Coachings bedurfte?

Ja, das passierte. Workshops und Seminare können insbesondere zur Sensibilisierung für das Thema beitragen und Wissen vermitteln. Als Verhaltenstherapeutin war mir aber immer klar, wie viel mehr man im Einzel-Setting für das Individuum erreichen kann, sofern es motiviert ist und freiwillig erscheint. Daher war es nie mein Ziel, die Arbeit mit Einzelpersonen aufzugeben. Es kommt auch vor, dass Workshopteilnehmende später zu mir ins Coaching kommen, um auf individueller Ebene weiterzuarbeiten. Neben den Workshops und Coachings berate ich Unternehmen und Behörden hinsichtlich der Frage, welche Maßnahmen für sie sinnvoll sind. Es gibt viele Anbieter und Konzepte im Bereich gesunder Führung, aber nicht jede Maßnahme ist für jede Organisation geeignet. Hier kann man viel Geld verbrennen. Auch diese Tätigkeit bereitet mir großen Spaß.

Sie waren Oberärztin. Haben Sie aus dieser Führungsrolle Erfahrungen mitgenommen, die Ihre heutige Arbeit prägen?

Durchaus, allerdings ist meine Führungsrolle bei Kitchen2Soul, dem Unternehmen, das ich 2015 zusammen mit Katrin Große gründete, hier noch relevanter. In dieser Rolle ist mir nochmals sehr bewusst geworden, wie wichtig Selbstreflexion und Selbstregulation sind, um andere Menschen führen zu können. Ich merkte, dass ich es stark auf das Team übertrug, wenn ich gestresst war. Je nachdem, wie man in Stresssituationen reagiert, kann man sehr viel Ruhe oder auch Chaos ins Team bringen. Zum Glück hatte und habe ich Mitarbeitende, die mir Feedback geben und sagen können: „Wir merken, dass gerade irgendetwas nicht in Ordnung ist.“ Ich konnte das Feedback auch annehmen – zumindest nach einer gewissen Zeit. Feedback zu erhalten und anzunehmen, kann eine große Chance darstellen, positive Veränderungen anzugehen. Aus diesem Grund sind Beziehungen so wichtig – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Man sagt, je höher Führungskräfte aufsteigen, desto weniger ehrliches Feedback bekommen sie. Der Selbstreflexion ist dies nicht förderlich.

Sie bieten Trainings im Bereich der Arzt-Patienten-Kommunikation an. Wie sollte eine solche aussehen?

Oftmals treffen Ärzte unüberlegte Aussagen, mit denen die Patienten dann alleine gelassen werden und dekompensieren. Sagt der Arzt etwa „Oh, das sieht schlecht aus!“, kann dies der Selbstwirksamkeitserwartung des Patienten schaden. Es fehlt einfach häufig an Wissen darüber, was Kommunikation bewirkt. Das war damals – die Tätigkeit habe ich während meiner Zeit in der Klinik aufgenommen – der Anlass, hier aktiv zu werden. Grundsätzlich sind Aspekte förderlich, die in jeder Art der Kommunikation und Beziehung angebracht sind: Interesse zeigen, den Patienten ernst nehmen, mit ihm auf Augenhöhe sprechen, ihm zuhören und nicht sofort ins Wort fallen. Ärzte unterbrechen ihre Patienten – da gibt es unterschiedliche Studien – nach etwa 14 Sekunden. Das ist der Wahnsinn und natürlich führt dies auf Patientenseite zu Unzufriedenheit. Es geht dabei um die Haltung, mit der dem Patienten begegnet wird. Trete ich als Halbgott in Weiß auf oder zeige ich Empathie und stelle Fragen, durch die der Patient sich wahr- und ernstgenommen fühlt? Das Menschliche geht leider oft ein Stück weit verloren, wobei die Studiengänge mittlerweile mehr Wert auf das Thema Kommunikation legen.

Coaches begreifen ihr Gegenüber als Experte für sich selbst. Raten Sie dies auch den Ärzten?

Ja, definitiv. Ärzte sollten zudem die Ressourcen ihrer Patienten stärken und nicht nur defizitär denken. Coaching-Wissen ist für Ärzte sehr hilfreich. Allein zu verstehen, wie man Patienten über Fragestellungen motivieren kann, ist sehr wertvoll. Das Thema Motivation spielt ja eine riesige Rolle bei der Behandlung. Man denke an die Veränderungsmotivation. Wenn ein Diabetiker Gewicht verlieren sollte, sagt mancher Arzt: „Sie müssen abnehmen.“ Super, das ist ja sehr motivierend. (lacht) Von Grundkompetenzen im Coaching, in motivierender Gesprächsführung und von Ressourcenorientierung können Ärzte nur profitieren und ich versuche, dies zu vermitteln. Nach meiner Zeit in der Klinik arbeitete ich als niedergelassene Psychiaterin in einer kassenärztlichen Praxis. Daher weiß ich, dass die Rahmenbedingungen nicht einfach sind. Wenn man einmal im Quartal 15 Minuten mit einem Patienten hat, ist das in der Psychiatrie sehr wenig. Das bedingt starken Druck. Mit dem Patienten gute Gespräche zu führen, wird – das gilt auch für andere Fachrichtungen – institutionell nicht gefördert. Dennoch kann ich die zur Verfügung stehende Zeit gut oder schlecht nutzen, den Patienten beispielsweise ressourcenorientiert in seiner Resilienz stärken oder defizitorientiert schwächen. Leider spielt Resilienzförderung in der ärztlichen Ausbildung keine nennenswerte Rolle, obwohl gerade kranke Menschen Wege finden müssen, mit ihrer Situation umzugehen. Auf den Impuls, hier schon mit wenig recht viel erreichen zu können, reagieren viele Ärzte – aber natürlich nicht alle – mit großem Interesse.

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Winter-Strategien für jeden

Kein Bock mehr auf Corona-Blues? Winter-Strategien für jeden – Interview mit Focus Online

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8–12 Minuten

Konkrete Tipps und Maßnahmen, die uns einfacher durch die Krise führen

FOCUS Online: Frau Reichhart, viele kennen auch ohne Krise den „Novemberblues“. Wie sehr intensivieren die landesweiten Corona-Einschränkungen dieses Gefühl noch?

Tatjana Reichhart: Die Stimmung ist natürlich besonders gedrückt, weil wir einfach schon sehr lange mit diesem Thema konfrontiert sind. Corona hat im Frühjahr viele an die Belastungsgrenze gebracht. Es gab ein bisschen Pause im Sommer. Doch jetzt, wo es wieder so massiv zurückkommt, trifft es viele in einem Zustand, in dem ihre Ressourcen, also ihre Kraftquellen ziemlich erschöpft sind. 

Noch dazu ist es gekoppelt mit einer Jahreszeit, in der eben viele den üblichen Novemberblues kennen, weil wir wenig Sonne haben, weniger rausgehen und dadurch zum Beispiel weniger Vitamin D bekommen. Schwierig ist nun vor allem, dass durch die Kontaktbeschränkungen die ausgleichenden sozialen Tätigkeiten wie zusammen ins Kino, in eine Ausstellung oder Essen gehen wegfallen. Gerade Menschen, die alleine leben und ihre Energie beispielsweise aus sozialen Kontakten im Verein oder ehrenamtlichen Engagements ziehen, sind jetzt extrem eingeschränkt. Ähnlich schwierig ist es für die Familien, die sowieso schon belastet sind. Sie finden sich jetzt mit ihrem bereits leeren Akku in einer schweren Zeit wieder. 

Genau, denn Kollegen von Ihnen warnten schon davor, dass auch an sich psychisch stabile Menschen nun stark zu kämpfen haben. Das heißt, der zweite Lockdown trifft uns bereits jetzt schwerer als der erste?

Reichhart: Von der psychischen Seite her definitiv, weil einfach davor so viel gewesen ist. Wir können uns das so vorstellen, dass wir eine Art Seelen-Buchhaltung haben – mit Soll und Haben. Wenn wir dann unterm Strich gerade schon im orangen Bereich landen, stellt sich für viele tatsächlich die Frage, woher sie jetzt ihre Energie bekommen sollen.

Welchen Rat haben Sie für diejenigen?

Reichhart: Erst einmal hilft es, sich klar zu machen: Wir Menschen sind unglaublich widerstandsfähig und haben einen großen Überlebensinstinkt. Wir schaffen es mit den widrigsten Bedingungen umzugehen, sonst wären wir längst ausgestorben. Wir haben schon schrecklichere Erkrankungen bewältigt, also werden wir auch Corona meistern. Ähnlich wie wir inzwischen mit HIV, Ebola, Influenza oder Tuberkulose leben. Dann ist es wichtig, dass wir nicht in der Stagnation, also in der Frustration, dass alles so schlimm ist, verharren. Stattdessen müssen wir jetzt den Fokus auf das legen, was wir beeinflussen können. Denn das stärkt unsere Widerstandsfähigkeit, die wir Resilienz nennen.. Jeder sollte schauen, was er für sich tun kann, um die Zuversicht nicht zu verlieren.

Können wir das noch konkreter fassen? Was können wir denn jetzt genau in diesem Novemberblues machen, um die Zuversicht nicht zu verlieren?

Reichhart: Kleine Übungen können tatsächlich nachhaltig die Stimmung positiv beeinflussen und damit letztendlich unsere Akkus aufladen. Das zeigen Studien aus der positiven Psychologie und der Resilienzforschung.

Konkret wäre das zum Beispiel, dass ich nicht mit den schlechten Dingen im Kopf ins Bett gehe, darüber nachdenke, was heute alles nicht geklappt hat, wie schrecklich es mit den Kindern war, wie furchtbar die Arbeit, wie schlimm die Corona-Zahlen jetzt mit Gebiet sind. Sondern, dass ich mich, bevor ich ins Bett gehe, hinsetze und mir überlege: Was lief heute gut? Welche schönen Momente habe ich erlebt? Das kann ich sogar mit meinem Partner machen, mit den Kindern beim Abendessen oder auch in virtuellen Teams. Legen Sie den Fokus bewusst aufs Positive. Erinnern Sie sich etwa an drei schöne Dinge, die Sie heute gesehen haben. Da genügen Kleinigkeiten wie vielleicht ein schönes Laubblatt, ein kurzer Sonnenstrahl oder etwa ein Eichhörnchen auf dem Balkon.

Unser Gehirn soll friedlich einschlafen können. Sprich, wir müssen ihm Zeit zur Entspannung geben und Abstand einbauen von schlechten Nachrichten, die es in Alarmbereitschaft versetzt. Da helfen positive Rituale am Abend wie, dass ich einen Roman lese, der ein ganz anderes Thema hat oder dass ich ein Bad nehme und oder dass ich eine halbe Stunde spazieren gehe. Ich kann daraus einen Vergnügungspaziergang machen, nämlich mit dem Ziel: Ich sammle so viele schöne Momente ein, wie nur möglich. Ich richte meine Aufmerksamkeit bewusst auf den Geruch der feuchten Wiesen, auf das, was ich höre, die Tiere, die ich sehe. Ich nehme also ganz bewusst die positiven Dinge wahr. Das sind die kleinen Dinge der Selbstfürsorge. Sie helfen uns unser Gehirn zu beruhigen und langfristig, unseren Optimismus zu stärken. Das ist das Wichtigste, gerade in Zeiten, wo so viel unbeeinflussbar ist.

… ein gutes Stichwort. Viele Menschen fühlen sich derzeit sehr fremdbestimmt und eingeschränkt.

Reichhart: Richtig. Doch das Jammern über Dinge, die wir nicht ändern können, verbraucht unglaublich viel Energie. Es stärkt uns dagegen, wenn wir uns auf das konzentrieren, was wir unter Kontrolle haben. Selbstwirksamkeit nennt man das. Statt sich also stundenlang damit zu beschäftigen, dass man jetzt nicht mehr Essen gehen kann, sollte man überlegen: Kann ich mir was bestellen oder was Schönes selbst kochen? Mit wem kann ich mich draußen persönlich zum Quatschen treffen?

Das heißt, jeder sollte in seinem Alltag schauen, wo er etwas selbst in der Hand hat?

Reichhart: Genau. Das können ganz kleine Sachen sein. Zum Beispiel, dass ich den Keller ausräume oder meinen Schrank ausmiste. Es ist immer besser etwas zu tun, als in der Opferrolle oder Passivität zu verharren.

Was ist aber, wenn ich abends einfach erschöpft auf der Couch sitze und mich zu nichts mehr aufraffen kann?

Reichhart: Vielleicht ist dann einfach mal das Nichtstun das Richtige. Aus psychologischer und physiologischer Sicht ist es in dem Moment das Sinnvollste ins Bett zu gehen. Wenn ich schon so erschöpft bin, dass ich nichts anderes mehr machen kann, sagt mir mein Körper: Ich brauche jetzt echte Erholung. Bevor ich irgendwas mache oder stundenlang Netflix schaue, schlafe ich besser.

Nach acht Stunden Schlaf bin ich definitiv wieder dickhäutiger, widerstandsfähiger, kann viel mehr aushalten und bin weniger gestresst. Dass guter Schlaf einer der wichtigsten Faktoren für psychische Stabilität und Gesundheit ist, vergessen ganz viele Menschen. Darum ist schlafen das Erste, um dauerhaft belastbar zu bleiben. Das Zweite sind tatsächlich soziale Kontakte.

Die wir aber gerade sehr einschränken sollen…

Reichhart: Natürlich kann ich momentan nicht alle Freunde auf einmal sehen, aber ich kann noch eine halbe Stunde mit jemanden telefonieren, wenn ich zum Beispiel alleine bin oder wenn man in der Partnerschaft ist, sitzt man vielleicht einfach nur gemeinsam auf dem Sofa, um sich körperlich nahe zu sein und darüber Oxytocin auszuschütten. Das sogenannte Kuschelhormon reduziert Stress. Oder ich schreibe eine nette Nachricht an einen Freund, um ihm zu sagen, dass ich an ihn denke. Alles, was mit sozialer Verbundenheit zu tun hat, baut uns emotional auf. Ich kann auch alte Fotos anschauen oder Briefe lesen, sodass ich meine Verbundenheit mit anderen spüre. Das schaffe ich vielleicht sogar am Abend.

Allerdings ersetzen virtuelle Kontakte oder Fotos anschauen ja doch keine Umarmung. Was hilft denn dann?

Reichhart:  Nun, grundsätzlich dürfen wir ja einen anderen Menschen treffen und diesen einen Menschen auch umarmen. Natürlich sollten sich alle überlegen, wen oder wie viele verschiedene Menschen sie umarmen. Dennoch sollten wir das jetzt nicht übervorsichtig handhaben, sondern gegen andere seelische Schäden abwägen.

Wenn mich jetzt wirklich gerade heute Abend niemand in den Arm nehmen kann, kann ich mich selbst umarmen. Das klingt total komisch, aber der Körper lässt sich austricksen. Wenn wir uns streicheln oder unsere Hand auf unser Herz legen oder den Bauch, wird genauso Oxytocin ausgeschüttet. Wir können uns noch mehr Gutes tun, das körperliche Wärme und Nähe schenkt. Da reicht schon ein ganz weicher Bademantel oder eine warme Dusche. Vielleicht sogar noch wichtiger ist, dass wir gut in Gedanken zu uns sind.

Das heißt?

Reichhart: Dass wir uns zum Beispiel mal sagen, dass es echt gerade eine schwierige Zeit ist und uns selbst loben: Mensch, das machst du aber gut. Wir kommen da durch. Schließlich haben wir schon ganz andere Situationen geschafft. Und nun denken wir erst einmal über die Lösung für den nächsten Tag nach.

Es hilft also, dass wir nicht den ganzen November oder den ganzen Winter als lange, dunkle Zeit betrachten?

Reichhart: Am besten ist es tatsächlich nur auf den heutigen Tag zu schauen. Was kann ich heute tun? Lange Planungen sind gerade sowieso nicht sinnvoll. Das ist letztlich ein ganz großes Potenzial, dass wir das jetzt so erleben und wir wirklich Im Moment sind.

Andererseits wirft man der Politik genau das oft vor, dass sie von heute auf morgen agieren und keinen langfristigen Plan haben.

Reichhart: Natürlich. Evolutionsbiologisch mögen wir Menschen keine Unsicherheiten. Denn per se sind wir eigentlich sehr faul gewesen. Also wir wollen Energie sparen, weil ja schlechtere Zeiten kommen könnten, für die ich meine Energiereserven brauche. Dennoch können wir sehr gut lernen, mit der Unsicherheit zu leben.

Nämlich wie?

Reichhart: Indem wir uns auf das hier und jetzt fokussieren: Es ist, wie es ist, es kommt, wie es kommt. Menschen können allerdings unterschiedlich gut mit Unsicherheiten umgehen. Manche hatten vielleicht schon häufiger mit dem Thema Unsicherheit und Angst zu tun, sodass sich auch Angststörungen entwickeln können.

Woran merke ich, dass ich vielleicht professionelle Unterstützung in Anspruch nehmen sollte?

Reichhart: Wenn ich das Gefühl habe, ich habe die Kontrolle verloren und kann das nicht mehr steuern. Wenn ich merke, dass ich wirklich Einschränkungen in meinem Alltag habe. Also, wenn ich zum Beispiel feststelle, dass ich mich auf nichts mehr konzentrieren kann, weil ich nur noch Sorgen habe. Oder Zwänge entwickle wie, dass ich ständig kontrollieren muss, ob der Herd abgestellt, der Strom aus ist oder die Fenster zu sind. Wenn die Selbstregulationsfähigkeit zusammenbricht und ich meine Ängste nicht mehr regulieren kann, wird es kritisch.

Was sollten die Betroffenen dann tun?

Reichhart: Als erstes sollten sie mit ihrem Hausarzt sprechen. Denn er kann abklären, ob eventuell eine körperliche Ursache vorliegt. Das können etwa ein Mangel an Schilddrüsenhormonen oder Vitamine D sein. Im nächsten Schritt können Psychotherapeuten helfen.

Allerdings scheuen sich nach wie vor viele Menschen über ihre seelischen Probleme zu sprechen.

Reichhart: Ja, dieses „Stell‘ dich doch nicht so an!“ ist oft noch in unseren Köpfen. Hier hilft es, sich zu überlegen: Wenn jemand 41 Fieber hat, kommt auch niemand auf die Idee zu sagen, das ist nicht so schlimm und derjenige soll sich nicht so anstellen. Wenn bei psychischen Problemen die Botenstoffe im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten, ist das genauso eine körperliche Reaktion. Sie lässt sich zwar nicht so messen wie mit dem Fieberthermometer. Aber unser Körper schickt uns Warnzeichen wie unruhigen Schlaf, Appetitlosigkeit oder Magenschmerzen und zeigt uns so, dass unser Akku leer wird.

Herr Spahn nannte die Zeit, den November der Entschleunigung. Nun gibt es aber die einen, die gezwungenermaßen entschleunigt sind, wie Menschen im Kulturbereich oder Gastronomen und die anderen wie Ärztinnen, Pfleger, Verkäuferinnen oder Paketzusteller, die umso mehr Stress haben. Was können sie in Sachen Selbstfürsorge jeweils für sich tun, damit der Akku nicht leer wird? 

Reichhart: Es heißt ja nicht, dass es dem „zwangs-entschleunigtem Gastronom“ besser geht als den anderen. Da können besondere Existenzängste entstehen. Aber grundsätzlich: alle Menschen brauchen, wie vorhin besprochen, Schlaf und soziale Kontakte. Extrem wichtig sind außerdem Sport und Bewegung, um Stresshormone zu reduzieren und positive Botenstoffe auszuschütten.

Ganz grundsätzlich wäre es hilfreich, wenn wir nicht in Gruppen denken würden. Stattdessen sollten wir sagen: Wir sind alle jetzt in dieser Situation und jeder hat jetzt sein eigenes Päckchen zu tragen. Indem wir das verstehen, können wir uns am besten verbinden. Wenn wir freundlich miteinander umgehen, hilft das allen. Alle dürfen dieselbe Fürsorge bekommen, von sich selbst wie von außen.

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Macht Arbeit psychisch krank?

Macht Arbeit psychisch krank?

Lesedauer

8–12 Minuten

Immer mehr Mitarbeitende leiden an psychischen Erkrankungen 

Die Rate an Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tage) aufgrund von psychischen Erkrankungen ist zwischen 2009 und 2018 um ca. 60% angestiegen ohne dass eine Stagnation in Sicht ist. Aktuell muss man mit durchschnittlich 299 Krankheitstagen aufgrund von psychischen Erkrankungen pro Jahr pro 100 Mitarbeiter*innen rechnen, wie der aktuelle Fehlzeitenreport der AOK aufzeigt. Nach Angaben der deutschen Rentenversicherung hat auch der Anteil psychischer und psychosomatischer Erkrankungen an den Frühberentungen stark zugenommen, sodass mittlerweile fast jede zweite Frühberentung auf eine psychisch bedingte Erwerbsminderung zurückgeht.

Als wären diese Zahlen nicht schon alarmierend genug, bildet sich in aktuellen, repräsentativen Umfragen unter deutschen Arbeitnehmer*innen ab, dass die subjektive Belastung noch viel höher liegt: mehr als 60 Prozent der Befragten fühlen sich oft gestresst und die Hälfte der Beschäftigten schätzt sich selbst als mäßig bis hoch Burnout-gefährdet ein und klagt über Beschwerden wie Rückenschmerzen, Erschöpfung oder Schlafstörungen.

Viele meiner Klient*innen, die sich Unterstützung durch Coaching und Beratung suchen, sowie viele der Mitarbeiter*innen und Führungskräfte in den Unternehmen, die ich im Gesundheitsmanagement unterstütze, berichten vor allem vom Gefühl gehetzt und fremdbestimmt zu sein, nur noch To-do‘s abzuarbeiten und sie berichten von der Angst nicht mehr mitzukommen, abgehängt zu werden und „etwas“, oftmals sogar „ihr Leben“, zu verpassen. 

Auch die Gestaltung des Arbeitsumfelds wirkt entsprechend auf das Wohlbefinden der Arbeitnehmer*innen ein.

Woher kommt dieses omnipräsente Gefühl von Überforderung, Sorgen und Hetze? Ist die Arbeit „schuld“? Sind wir eine psychisch kranke Gesellschaft (geworden)?

Ich möchte zunächst die zweite Frage beantworten und vor dem Hintergrund der Gesamtschau der Befunde verneinen. Fast alle wissenschaftlichen Ausführungen zu diesem Thema belegen, dass es heutzutage nicht mehr Menschen gibt, die an psychischen Erkrankungen leiden und dass die AU-Raten nicht die „wahre“ Prävalenz, also Krankheitshäufigkeit, wiederspiegeln. Weiterhin erkranken ungefähr ein Drittel der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben an einer diagnostizierbaren und behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung, am häufigsten treten Angsterkrankungen und Depression auf. Das war vor 15 bis 20 Jahren auch schon so. Allerdings holt sich immer noch nur die Minderheit der Betroffenen professionelle Hilfe, wie sich in repräsentativen epidemiologischen Studien gezeigt hat. Zu Hausärzten, Psychotherapeuten und Psychiatern kommen häufig die Menschen, die noch die Kraft aufbringen, Wartezeiten in Kauf zu nehmen und auch hartnäckig nach einem Psychotherapietermin zu verlangen. Und so spiegeln die AU-Bescheinigungen nicht die reale Krankheitslast einer Gesellschaft wider. Es wird diskutiert, dass immer mehr sogenannte „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ in den Vordergrund rücken und zu Diagnosen werden und somit auf den AU-Bescheinigungen und in den Statistiken auftauchen. Ärzte scheinen besser zu differenzieren zwischen körperlichen Beschwerden und psychischen Hintergründen dieser Symptome, z.B. berücksichtigen sie bei Rückenschmerzen den stressassoziierten Kontext eher. Auch die Patienten scheinen eher bereit zu sein über ihre psychischen Probleme zu sprechen und eine „psychische“ Diagnose anzunehmen und nicht auf die körperliche Erklärung der Symptome zu bestehen. Früher hatte man Rücken, heute ein Burnout. Burnout – im Übrigen- ist keine anerkannte Diagnose, allerdings eine Vorstufe bzw. ein Risikofaktor für das Entstehen einer Depression, Angststörung oder anderer Erkrankungen. 

Zusammenfassend können wir also festhalten, dass sich die gesellschaftliche Akzeptanz über psychische Beschwerden und Probleme zu reden und sich für diese Probleme – wenn sie denn nicht zu heftig sind – Unterstützung beim Arzt (inklusive Krankmeldung und eventuell Verordnung von Medikamenten) zu holen, erhöht hat und dass auch Ärzte sensibilisierter sind. Insgesamt kann dies vielfach dabei helfen psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln und damit einer Chronifizierung vorzubeugen. Kritisch anmerken möchte ich allerdings, dass gleichzeitig oft auch Probleme in der Bewältigung von schwierigen aber völlig normalen Lebensereignissen, zum Beispiel Konflikten, Todesfällen und Trauer, Trennungen und Stress am Arbeitsplatz, pathologisiert werden. Wirklich ernsthaft erkrankte Menschen, die an schweren Depressionen, Angststörungen oder Psychosen leiden, werden weiterhin stark stigmatisiert, stigmatisieren sich damit auch selbst und erhalten nicht zuletzt deswegen eher zu spät Hilfe. 

Wenn wir nun eigentlich nicht psychisch kränker sind als früher, warum fühlen wir uns dann so sehr unter Druck, ausgebrannt und gestresst bis hin zu dem Gefühl einfach nicht mehr „zu können“?

Auch dazu gibt es viel Diskussion und Spekulation. Die Veränderungen der Arbeitswelt und die Beschleunigung und zunehmende Komplexität, das hohes Maß an Unsicherheit und Instabilität, agile Arbeitsprozesse sowie weiterhin traditionelle, noch strak hierarchische und patriarchalische Unternehmenskulturen, in denen der Mensch als Ressource in den Hintergrund fällt, werden als Gründe aufgeführt. Unsere Welt ist volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig (VUCA) geworden.  Aber ist das neu? Waren unsere Vorfahren während der französischen Revolution und zwischen oder gar während der Weltkriege in stabileren Verhältnissen? Waren die Erfindungen der Dampflokomotive, des Telefons und des Automobils nicht auch mit Beschleunigung und Veränderung verbunden? Unterschätzen wir als Menschen der aktuellen Generationen vielleicht sogar unsere Resilienz, unsere seelische Widerstandsfähigkeit? Haben wir sogar vergessen oder gar nie gelernt, dass wir viel bewältigen und verkraften können, dass in Krisen Chancen liegen und sie uns sogar belastbarer für die Zukunft machen? Einige Autoren und Wissenschaftler sagen „ja“. Denn wir leben in unseren Breitengraden in den sichersten Zeiten überhaupt. 

Mangelnde Wertschätzung und wenig Handlungsspielraum bei der Arbeit wirken sich negativ auf die Gesundheit aus

Noch nie war das Risiko an Mord und Krankheit zu sterben so gering wie aktuell. Noch nie waren wir sozial so gut abgesichert und haben in solch einem Überfluss gelebt, wie gerade jetzt. Und gleichzeitig sind wir einer Negativität anheimgefallen, die durch klassische und soziale Medien befeuert wird. Selbstverständlich hat auch der Arbeitskontext Einfluss auf uns. Wenn wir die wesentlichen Studien zu der Frage: „welche Faktoren am Arbeitsplatz wirken wirklich negativ auf unsere (psychische) Gesundheit aus“ zusammenfassen, bleibt eine interessante Erkenntnis übrig: es ist nicht die vermeintliche ständige Erreichbarkeit, es sind nicht mal die dauernden Unterbrechungen oder die Digitalisierung, die uns ängstigen und „fertig“ machen, es sind vor allem die mangelnde Wertschätzung (nach dem Psychologen Siegrist) und ein zu geringer Handlungsspielraum bei komplexen Aufgabestellungen (nach dem Psychologen Karasek). Es gibt eine Vielzahl von Studien, die zeigen, dass Menschen, die sich für ihren Job oder eine Aufgabe engagieren bzw. verausgaben und gefühlt zu wenig Wertschätzung (durch Lob und Anerkennung der Führungskräfte, durch einen angemessenen Lohn aber auch durch Arbeitsplatzsicherheit und Aufstiegschancen) zurückerhalten und / oder dass Menschen, die zu wenig selbst darüber bestimmen können, wie sie komplexe Aufgaben lösen, die z.B. Micro-Management und stark kontrollierenden Führungskräften und Strukturen unterworfen sind, in negativen Stress geraten. Dieser wiederum ist mit einer erhöhten Auftretenswahrscheinlichkeit von Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eventuell auch Angststörungen assoziiert. Kommt neben mangelnder Wertschätzung, zu geringem Handlungsspielraum noch Ungerechtigkeit dazu, dann erhöht sich damit sogar das Risiko aufgrund einer Depression frühverrentet zu werden. Insgesamt muss allerdings im Auge behalten werden, dass uns die Arbeit grundsätzlich gesund erhält!  Arbeitslose Menschen, die damit aus sozialen Strukturen herausfallen, die in Unsicherheit mit Zukunftsangst und in Selbstzweifeln leben und die keiner sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen können, werden häufiger psychisch krank. 

Je mehr Stressoren von uns ferngehalten werden, umso weniger können wir lernen mit ihnen umzugehen

Wenn nun die Arbeitsplatzfaktoren nur zu einem Anteil dazu beitragen, dass wir uns so überfordert und gestresst fühlen, Ängste, Sorgen und Schlafstörungen haben, was sind dann weitere mögliche Ursachen?  Es hängt auch davon ab, wie wir mit Stress und Unsicherheiten umgehen, was wir überhaupt als negativ stressig bewerten, ob wir im Blick behalten, was im Leben wirklich wichtig und sinnstiftend ist, was zu einem zufriedenen Leben hauptsächlich beiträgt und woran wir den Erfolg unsres Leben messen. Und es hängt damit zusammen, ob wir während unseres bisherigen Lebens gelernt haben mit Unsicherheiten und Stressoren, belastenden Ereignissen und Herausforderungen umzugehen. Je beschützter wir aufwachsen, je mehr Probleme und Schwierigkeiten von uns ferngehalten werden oder wir ihnen aus dem Weg gehen, desto weniger trainieren wir unsere Kompetenzen mit Herausforderungen umzugehen, desto weniger Handlungs-Repertoire haben wir. Damit steigt unsere Angst, denn das, was wir nicht kennen und können, ängstigt uns noch mehr und lässt uns genau solche Situationen tendenziell erneut vermeiden; ein ungünstiger Kreislauf, der manchmal auch als „Hamsterrad“ bezeichnet wird. Von innen sieht ein Hamsterrad auch mal aus wie eine Karriereleiter. Wir machen uns abhängig von der Bewertung anderer, von durch die Medien und Werbung vorgegebene vermeintliche Bedürfnisse und deren Befriedigung und vergessen darüber, was wirklich wichtig im Leben ist, weil wir zu wenig reflektieren und Perspektivwechsel vornehmen. Wir sind nicht mehr gerne mit uns und unseren Gedanken alleine, – auch wieder aus einer Angst heraus-, denn es könnte sich ja zeigen, dass das was wir tun, wie wir leben, doch nicht das ist, was unseren Werten entspricht und wir wirklich wollen. Also treten wir weiter in der Mühle.  

Wertschätzendes Führungsverhalten wirkt sich positiv auf die Mitarbeiterebene aus 

Wie kommen wir also als Gesellschaft wieder zurück zu einem Gefühl von Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung und zu unserer seelischen Widerstandsfähigkeit? Zunächst die Frage, was Unternehmen dazu beitragen können, damit Mitarbeiter*innen sich weniger selbst ausbrennen aber auch weniger verheizt werden – und mir ist dabei wichtig zu betonen, dass den Unternehmen, die ja der Treibstoff einer Gesellschaft sind, hierbei eine enorme Verantwortung obliegt. Im Prinzip ist es ganz einfach und kostet nicht mal viel Geld oder Zeit: Wertschätzung leben, den Mensch wieder in den Fokus rücken, ein humanistischer Umgang miteinander auch mit sich selbst, denn Führungskräfte haben eine nicht zu unterschätzende Vorbildfunktion, Reflexion der Führungs- und Unternehmenswerte und vor allem Überdenken der Definition von Erfolg und der Überzeugung, dass dieser nur an Zahlen gemessen werden kann. In zahlreichen Studien konnte belegt werden, dass das Führungsverhalten direkten negativen aber auch positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit und das Stressempfinden der Mitarbeiter hat und, dass durch Führungskräfteschulungen nachhaltig Prävention betrieben werden kann. Und was kann nun jede*r für sich tun?:  Nicht darauf warten, dass sich andere, das Unternehmen, das System ändern werden und damit dann alles „besser“ wird. Sich nicht als Opfer der Umstände sehen und über die Umstände „verzweifeln“, sondern aktiv reflektieren und hinterfragen: „was kann ich konkret ändern?“ Was könnte das sein? Die positive Psychologie (nach Martin Seligman) und die Resilienzforschung bieten einige sehr einfache aber enorm wirkungsvolle Methoden: sich in Dankbarkeit zu üben ist mein Favorit. Indem wir uns täglich vor Augen führen, wofür wir dankbar sind, reduzieren wir – das zeigen etliche Studien – unsere Gefühle von Neid und Missgunst sowie unser Stresserleben, und verbessern unseren Umgang mit Unsicherheiten. 

Ein Leben ohne Stress, Sorgen und Ängste gibt es nicht

Neues ängstigt uns nicht so sehr, Unsicherheiten rauben uns nicht mehr den Schlaf, wir werden gelassener, weil wir uns auf das besinnen, was wir haben, was positiv ist. Wenn wir uns dann noch um ein gutes soziales Netz kümmern, das ist nämlich der wichtigste Faktor für ein zufriedenes Leben (nicht Ruhm, beruflicher Erfolg oder gar Geld), uns ein wenig in Achtsamkeit üben um den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen, -das einzige, was wir wirklich haben-, und unsere sogenannten Glaubenssätze oder innere Antreiber (z.B. „ich  muss es allen recht machen“, „ich möchte von allen gemocht werden“, „ich muss perfekt sein“) hinterfragen und reduzieren, dann leben wir auch in der „VUCA – Welt“ ein gutes und selbstbestimmtes Leben. Ein Leben ohne Ängste und Sorgen, ohne Schwierigkeiten, Konflikte, Trauer, Krankheit und Tod gibt es nicht. Allerdings sind wir in der Lage das alles gut zu bewältigen. „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“, sagte schon Aristoteles. 

Der Artikel ist zuerst hier erschienen: https://www.angstselbsthilfe.de/macht-arbeit-psychisch-krank/