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Wie gelingt gesunde Führung?

Wie gelingt gesunde Führung?
Interview im Coaching Magazin 04/2023

Lesedauer

16–23 Minuten

Führungskräfte sind mit unterschiedlichen Erwartungen konfrontiert. Ihre Teams sollen wirtschaftliche Ziele verwirklichen. Gleichzeitig gehört es zur Verantwortung einer Führungskraft, Bedingungen zu schaffen, die dem Erhalt der psychischen Gesundheit der Mitarbeitenden dienen. Dass hierin keinesfalls ein Widerspruch zu sehen ist, weiß Dr. Tatjana Reichhart, die im Bereich gesunder Führung coacht. Was eine gesundheitsförderliche Führungspraxis ausmacht und weshalb auch Ärzte von Coaching-Know-how profitieren, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Interview. 

Dr. Tatjana Reichhart im Gespräch mit David Ebermann

Seit 2015 coachen Sie Führungskräfte im Bereich der gesunden und werteorientierten Führung. Was macht gesunde Führung aus?

Bei gesunder Führung geht es um die Frage, wie sowohl die Mitarbeitenden als auch die Führungskräfte widerstandsfähig, sprich resilient, bleiben. In der VUCA-Welt sind die Menschen mit vielen Veränderungen, Herausforderungen und Krisen konfrontiert. Und zwar nicht nur innerhalb der Unternehmen, denn gesellschaftliche Probleme, die bewältigt werden müssen, kommen hinzu. Zudem hat jeder Mitarbeiter und jede Führungskraft ein Privatleben, in dem es Stressoren und schwierige Situationen geben kann. Eine gesunde und resiliente Führungspraxis trägt vor diesem Hintergrund dazu bei, dass die Führungskraft selbst gesund und leistungsfähig bleibt und die Mitarbeitenden gleichzeitig darin unterstützt, ebenfalls ihre Kraft zu erhalten. Wenn ich als Führungskraft oder Mitarbeiter keine Energie mehr habe, kann ich weder effektiv noch produktiv sein und auch keinen Mehrwert für das Unternehmen generieren. Im unternehmerischen Kontext geht es selbstverständlich immer auch um Leistung. Gesunde Führung bedeutet nicht, alle relaxen zu lassen oder nie eine Deadline vorzugeben. Stattdessen geht es um einen verantwortungsvollen Umgang mit den gegebenen Anforderungen. Zu berücksichtigen ist auch die organisationale Ebene. Wie ist die Organisation aufgebaut? Wie sehen die Strukturen aus? Ist es überhaupt möglich, mit der Anzahl an vorhandenen Mitarbeitenden die aufkommende Arbeit zu bewältigen? Alle drei Ebenen – Organisation, Führung und die Teams – wirken zusammen. Auch ein Mitarbeiter trägt die Verantwortung, sich zu fragen: Wie gehe ich individuell mit Stress um? Wie kann ich meine eigene Resilienz stärken? Wer z.B. überaus perfektionistisch ist, setzt sich womöglich selbst über das notwendige Maß hinaus unter Druck, ohne letztlich Ergebnisse zu liefern. Das kann krank machen. 

Inwiefern geht es in diesem Kontext um Werteorientierung?

Führungskräfte sollten sich grundsätzlich darüber klar werden, wofür sie stehen wollen, was ihnen wichtig ist und wie die daraus resultierenden Handlungen wirken. Das muss sich nicht nur auf die Arbeit beziehen, sondern kann auch das Leben im Allgemeinen betreffen. Es geht nämlich zunächst einmal darum, zu verstehen, was generell wichtige Werte für uns Menschen sind. Oft wird uns suggeriert, dass Status unglaublich wichtig und wertvoll sei. Für Einzelne mag das auch so sein. Der Gesundheit des Menschen zuträglich sind aber vor allem Werte wie soziales Miteinander, Verbundenheit, Selbstbestimmung oder das Gefühl, Handlungsspielraum zu haben. Auch Wertschätzung ist hilfreich, weil sie Stress puffern kann. Aus Studien wissen wir, dass Menschen entspannter und belastbarer werden, wenn sie Wertschätzung erfahren. Eine Führungskraft sollte sich aber nicht nur die Kappe der Wertschätzung aufsetzen, wenn sie auf der Arbeit erscheint. Vielmehr ist dies eine Frage der Haltung. Im Coaching starte ich gerne mit der Frage: „Warum sind Sie Führungskraft geworden?“ Sie bietet einen guten Einstieg in das Thema Werte. Dann gilt es natürlich zu reflektieren, ob das Leitbild des Unternehmens zu den Werten passt, an denen die Führungskraft ihre Arbeit ausrichten möchte.

Fungieren Führungskräfte hinsichtlich ihrer Selbstführung als Vorbilder im Unternehmen?

Unbedingt. Menschen orientieren sich an Vorbildern – und zwar insbesondere innerhalb hierarchischer Strukturen. Mitarbeitende werden sich hinsichtlich ihrer Einschätzung des von ihnen erwünschten Verhaltens immer auch daran orientieren, was ihre Führungskraft vorlebt. Schreibt eine Führungskraft an den Wochenenden E-Mails, was in fast jedem Unternehmen vorkommt, hilft es wenig, wenn sie ihren Mitarbeitenden sagt oder dazu schreibt, dass sie am Wochenende keine Antworten erwartet. Das Handeln ist entscheidend und bestimmt den Subtext. Verabschiedet sich eine Führungskraft hingegen pünktlich zum Feierabend mit den Worten, „ich gehe noch zum Sport“, hat dies auch eine Vorbildfunktion, weil vorgelebt wird, sich Zeit für die eigenen Bedürfnisse zu nehmen. Eine Anekdote: Ich kenne ein Unternehmen, in dem ein Ruheraum eingerichtet worden ist. Den Mitarbeitenden wurde gesagt, sie sollten da ruhig mal reingehen – nicht um zu arbeiten, sondern um von Zeit zu Zeit abseits des Großraumbüros Ruhe zu finden. Der Raum blieb aber immer leer. Weshalb? Weil er nie von einer Führungskraft betreten wurde. Wenn es um gesunde Selbstführung geht, kann die Beeinflussung der Teams durch die Führungskräfte also in beide Richtungen gehen und negativ oder auch positiv ausfallen. Übrigens: Auch Coaches sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und z.B. die eigenen Werte aufgearbeitet haben sowie eine gesunde Selbstführung praktizieren, um in ihrer Arbeit authentisch an entsprechenden Themen arbeiten zu können.

Sind sich die Führungskräfte ihrer Vorbildfunktion bewusst oder gilt es im Coaching, zunächst ein Bewusstsein für die Problematik zu schaffen?

Die meisten Führungskräfte, mit denen ich in Coachings oder auch Workshops arbeite, unterschätzen ihre Vorbildfunktion. Ihnen ist tatsächlich nicht bewusst, wie stark ihr Einfluss auf die Mitarbeitenden ausfällt. Spreche ich dies im Coaching an, heißt es oftmals: „Aber ich gebe doch ausdrücklich Raum für eigene Entscheidungen und erwarte nicht, dass am Wochenende gearbeitet wird.“ Dass es vor allem relevant ist, die kommunizierten Werte auch vorzuleben, ist dann für viele eine wichtige Erkenntnis. Daher geht es in den Coachings viel um Sensibilisierung durch Bewusstmachung und Selbstreflexion, die anhand von Rollen- und Perspektivwechseln erfolgt.

Welche Rolle spielen dysfunktionale Glaubenssätze, wenn Führungskräfte beispielsweise schonungslosen Ehrgeiz oder übertriebene Perfektion vorleben?

Dysfunktionale Glaubenssätze und Werte spielen – übrigens unabhängig vom Geschlecht – oft eine Rolle. Wer von der Gesellschaft, von Medien oder seinen Eltern gelernt hat, dass Leistung alles im Leben sei, und Erfolg nur über materielle Werte und Status definiert, wird wahnsinnig viel Energie investieren, um genau dies zu erreichen. Blickt man hinter solche Glaubenssätze, kommen in der Regel andere Motive zum Vorschein: z.B. das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Auch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit kann sich in einem ungesund hohen Leistungsanspruch niederschlagen, weil die Person Angst hat, ausgeschlossen zu werden, wenn sie nicht die erwarteten Ergebnisse liefert. Gefördert werden Muster wie diese oftmals schon früh – beispielsweise dann, wenn ein Kind von der Schule kommt und erzählt, dass es eine Zwei geschrieben hat, und die Eltern entgegnen, dass es nächstes Mal eine Eins sein möge. Leistungsdenken ist nichts Schlechtes, aber es geht um das Maß. 

Wenn eine Führungskraft nicht mehr frei entscheiden kann, ob sie am Wochenende arbeiten will oder nicht, weil sie sich so sehr getrieben fühlt, ist dies bedenklich. Die Führungskraft handelt dann nicht mehr frei und selbstbestimmt, sondern ist in ihren Glaubenssätzen oder in vermeintlich von außen an sie gerichteten Erwartungen gefangen. Im Coaching lohnt es sich, herauszufinden, was die Person antreibt. Um Befürchtungen zu hinterfragen, bietet es sich auch an, zu reflektieren, was denn schlimmstenfalls passiert, wenn etwa eine Deadline gerissen wird. Oftmals erwächst daraus große Freiheit, die mit reduzierter Anspannung und einem niedrigeren Stresslevel verbunden ist. Die Führungskräfte sind anschließend nicht weniger produktiv. Überhaupt nicht! Stattdessen sind sie beispielsweise besser in der Lage, auf Mikromanagement zu verzichten oder ihren Perfektionismus auf ein praktikables und verhältnismäßiges Niveau zu reduzieren. Sie verstehen, dass sie nicht ausschließlich an Leistung gemessen werden, sondern auch unabhängig davon – als Menschen – wertvoll sind. Im Sinne der gesunden und resilienten Führung kann sie dies zu besseren Führungskräften machen, weil sie den vorher verspürten, sehr starken Druck nicht mehr an die Mitarbeitenden weitergeben.

Kommt gesunde Führung dem Leistungsgedanken mittel- und langfristig sogar zugute?

Ja. Wer gesund führt, hält auch den Marathon durch. Wer seine Antreiber kennt, überträgt sie nicht unreflektiert auf andere und stärkt seine Selbstregulationsfähigkeit, die einer der wichtigsten Resilienzfaktoren ist. Die Person ist nicht mehr von einem Reiz-Reaktions-Automatismus getrieben, sondern kann selbstbestimmt handeln und dadurch priorisieren, strukturieren und in schwierigen Situationen Ruhe ins Team bringen und diesem Orientierung geben, was ein wichtiger und originärer Teil der Führungsaufgabe ist.

Werden Sie eher vorausschauend beauftragt oder wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist?

Workshops zum Thema gesunde Führung finden eher präventiv statt. Bei den Coachings ist das Kind häufig schon zumindest halb in den Brunnen gefallen, wenn ich die Anfrage erhalte. Jedenfalls gibt es eine Not, wenn eine Führungskraft mich kontaktiert und sagt: „Ich brauche jetzt ein Coaching.“ Allerdings gibt es auch Unternehmen, in denen es zum Standard der Führungskräfteentwicklung gehört, dass sich Personen, die eine Führungsrolle antreten, im Rahmen eines Coachings mit sich selbst beschäftigen. Ich finde das großartig.

Laut einer Studie des Instituts für Betriebliche Gesundheitsberatung ergreifen nur 38,3 Prozent der Organisationen schon heute Maßnahmen im Bereich der gesunden Führung, obwohl das Thema immer wichtiger werde. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Auf jeden Fall. Anzumerken ist allerdings, dass überhaupt erst in den letzten Jahren eine echte Entwicklung stattgefunden hat. Zuletzt hat die Corona-Pandemie nochmals deutlich gezeigt, dass das Thema psychische Gesundheit im Arbeitskontext relevant ist. Als ich 2007/2008 – ich arbeitete noch als Ärztin an der Klinik – angefangen habe, mich in einer Arbeitsgruppe intensiver mit der Thematik zu befassen, gab es in den Unternehmen selten ein Bewusstsein für die Bedeutung psychischer und mentaler Gesundheit am Arbeitsplatz. Sprach man mit Personalverantwortlichen und Führungskräften, hörte man noch Sätze wie: „Bei uns arbeiten vor allem Männer. Die haben es am Rücken und nicht an der Psyche.“ (lacht) Das wäre heute gar nicht mehr vorstellbar. Seither hat sich einiges getan und wir sind auf dem richtigen Weg. Die Bereitschaft, sich mit sich selbst zu beschäftigen, nimmt meiner Wahrnehmung nach immer mehr zu – auch bei Männern, die sich erfahrungsgemäß etwas schwerer damit tun, sich mit ihren Verletzlichkeiten auseinanderzusetzen. Geht ein Coach sensibel an entsprechende Themen heran, ist die Bereitschaft da.

Welche Rolle spielt das Thema Burnout-Prävention in Ihren Coachings?

Das Thema ist weiterhin relevant, wenngleich der Begriff seltener verwendet wird. Die Leute sagen nicht gerne: „Ich kann einfach nicht mehr.“ Das ist durchaus stigmatisiert. Daher kommen sie stattdessen ins Coaching, um z.B. eine „Lösung für den Umgang mit Stress“ zu finden. Insofern sind Begriffe wie Resilienzstärkung oder Förderung der Widerstandskraft dankbarer. Letztendlich geht es aber bei allen Coachings, die auf einen besseren Umgang mit Stress und Herausforderungen zielen, immer auch darum, keinen Burnout zu bekommen und in der Folge nicht krank zu werden. Burnout ist ein Risikofaktor für die Entwicklung von Depressionen, Angststörungen, Abhängigkeitserkrankungen etc. Davor will Resilienzförderung schützen.  

Woran ist zu erkennen, dass jemand bereits einen Burnout aufweist?

Die Menschen können sich aus eigener Kraft kaum noch erholen und erleben selbst dann, wenn sie im Urlaub sind, kein Gefühl von Regeneration. Ihre Leistungsfähigkeit sinkt – verbunden mit einem Gefühl von körperlicher und psychischer Erschöpfung. Nicht selten bedingen erlebte Frustration und Verbitterung zudem einen bösartigen Zynismus. Betroffene reißen sich oftmals lange zusammen und sind hochengagiert, bis sie an einen Punkt kommen, an dem es schlagartig nicht mehr geht. Hier kommt wieder die Führung ins Spiel, denn im beruflichen Kontext ist sie häufig der Auslöser, der das Fass letztlich überlaufen lässt. Beispielsweise dann, wenn man seine ganze Energie aufopferungsvoll in ein Projekt investiert hat, das dann in der Schublade des Chefs verschwindet. Weist jemand die genannten Merkmale auf, kann man ihn fragen: „Was würden Sie machen, wenn Sie wie durch ein Wunder plötzlich alle Energie zurückhätten?“ Von Burnout Betroffene werden häufig antworten: „Dann würde ich sofort wieder … machen oder … in Angriff nehmen.“ D.h., sie fühlen sich noch getrieben, ihnen fehlt nur die Energie für die Umsetzung. Jemand mit einer Depression würde hingegen mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen, dass er gar nicht weiß, was er dann täte, weil er ohnehin an allem das Interesse verloren hat. Hier liegt eine Art Trennlinie zweier Zustände, die sich auf den ersten Blick sehr ähneln können.

Risiken können ebenso im Privaten liegen, während die Arbeit der psychischen Gesundheit zuträglich sein kann …

Eindeutig. Es ist unbedingt festzuhalten, dass Arbeit nicht per se krank macht. Im Gegenteil: Sie kann ein nicht zu unterschätzender Schutzfaktor sein, indem sie soziale Eingebundenheit, finanzielle Absicherung, Anerkennung, Erfolg, Lernen, Entwicklung und Struktur ermöglicht. Wir wissen, dass Menschen, die ihre Arbeit verlieren, ein sehr viel höheres Risiko für psychische Erkrankungen haben. Psychische Gesundheit und Resilienz brauchen immer eine Ausgewogenheit von Gegensätzen: Anspannung und Entspannung, Anregung und Erholung, Tun und Sein. Es ist auch nie nur die Führung allein schuld, wenn ein Teammitglied eine starke Belastung aufweist, aber selbstverständlich gibt es Untersuchungen, die klar belegen, dass Führungskräfte einen signifikanten Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeitenden haben.

An der Kitchen2Soul-Akademie bieten Sie seit 2019 eine Ausbildung im Bereich Resilienz an. Worauf zielt das Angebot?

Menschen sind eine sehr widerstandsfähige Spezies, sonst gäbe es uns nicht mehr. Die grundsätzliche Fähigkeit, resilient zu sein und mit schwierigen Situationen umzugehen, hat uns die Natur mitgegeben. Das ist eine gute Nachricht, die wir in der Ausbildung auch vermitteln. Wenn wir an dieser Fähigkeit zusätzlich arbeiten, sie ausbauen und dadurch hilfreiche Ressourcen und Kompetenzen entwickeln, sind wir umso besser auf Herausforderungen vorbereitet und können unsere Widerstandsfähigkeit erhalten. Die Ausbildung soll dazu befähigen, andere hierin zu unterstützen. Wir wollen den Teilnehmenden das hierfür notwendige, wissenschaftlich fundierte Theoriewissen vermitteln, ihnen aber auch das praktische Handwerkszeug für die Anwendung an die Hand geben. Selbstverständlich lernen unsere Teilnehmenden im Rahmen der Selbsterfahrungsanteile auch, wie sie ihre eigene Resilienz stärken. Laut einer Untersuchung einer Krankenkasse schauen sehr viele Menschen fern, um Stress abzubauen. Andere greifen zu Alkohol. Das sind ungünstige Strategien. Dabei gibt es viele einfache und effektive Möglichkeiten der Stressregulation – soziale Kontakte, Optimismus, Sinn- und Werteorientierung etc. Auch dies war ein Grund, mit dem Angebot an den Markt zu gehen. Die Ausbildung habe ich zusammen mit Claudia Pusch konzipiert und wir führen sie auch zusammen durch. Das passt sehr gut, weil wir beide Vorerfahrungen im Thema haben und fachliche Hintergründe mitbringen, die sich gewinnbringend kombinieren lassen. Sie ist systemische Therapeutin und Coach. Ich komme aus der Verhaltenstherapie und arbeite ressourcenorientiert.

An wen richtet sich die Ausbildung?

Das Feld ist breitgefächert. Es nehmen sowohl bereits ausgebildete Coaches, die sich im Bereich Resilienz weiterbilden und spezialisieren wollen, als auch Führungskräfte und Personalverantwortliche teil, die das erworbene Wissen in ihre Unternehmen tragen und dort als Multiplikatoren auftreten sollen. Ebenfalls haben wir Teilnehmende aus sozialen bzw. pädagogischen Berufen – etwa Sozialpädagoginnen und -pädagogen sowie Lehrkräfte. Es haben auch schon Piloten und Rechtsanwälte teilgenommen, die mehr darüber erfahren wollten, wie der Mensch funktioniert. Es sind also nicht alle Teilnehmenden als Coaches tätig. Für Personen, die noch keine Coaching-Ausbildung absolviert haben, aber Coach werden wollen, bieten wir – in einer Art Baukastensystem – weitere Bestandteile an. Systemisches Coaching und Aufstellungsarbeit kommen dann als Basiselemente hinzu, um auch die notwendigen Grundkompetenzen zu erwerben.

Im Kontext Resilienz legen Sie Wert auf Konzepte aus der positiven und ressourcenorientierten Psychologie. Weshalb?

Das ergibt sich aus der Forschung. Resilienz verändert sich im Laufe des Lebens. Die Fähigkeit, trotz Stressoren psychisch gesund zu bleiben bzw. aus Krisen gestärkt hervorzugehen, ist keine starre Persönlichkeitseigenschaft. In unserem Fachbuch „Resilienz-Coaching“, das als Türöffner in die Thematik fungieren und deren Relevanz unterstreichen soll, behandeln Claudia Pusch und ich sechs Resilienzfaktoren. Einer davon ist der Optimismus, der einen großen Einfluss auf die Widerstandsfähigkeit hat. Antworten auf die Frage, wie sich Optimismus trainieren und stärken lässt, sind in der Literatur zur positiven Psychologie zu finden. Es geht hier nicht darum, sich die Welt zu machen, wie sie einem gefällt. Es ist nicht immer alles rosarot. Stattdessen bedeutet Optimismus in diesem Kontext, beide Seiten zu sehen – also auch die positive. Man könnte demnach auch von Zuversicht sprechen. Der Mensch hat einen Negativitäts-Bias. Er nimmt Negatives wie Gefahren und Bedrohungen stärker wahr als Positives. Das ist evolutionsbiologisch erklärbar. Manchmal denken wir am Ende eines Tages, dass alles schlecht war. Nüchtern betrachtet findet man aber neben den weniger schönen fast immer auch gute Aspekte. Richtet man sein Augenmerk auch bewusst auf das Positive, gibt dies Energie und Ressourcen, um überhaupt weit sehen zu können. Wer sich nur im Stress befindet und dauerhaft auf Schlechtes fokussiert, ist eingeengt und kann nicht lösungsorientiert handeln. Letzteres ist aber wichtig, denn auch die Lösungs- und Zukunftsorientierung wirkt stärkend.

Wie bildet sich dieses Wissen um den Wert des Optimismus in gesunder Führung ab?

Ein einfaches Beispiel sind Teammeetings. Richten Führungskräfte den Fokus nur auf das, was nicht gut gelaufen ist, oder rücken sie neben Defiziten auch Erfolge in den Blickpunkt? Und wie gewichten sie beide Seiten zeitlich? Führungskräfte sollten auch die erlebte Selbstwirksamkeit ihrer Teams im Blick haben. Selbstwirksamkeit als Resilienzfaktor bedeutet, dass die Führungskraft ihren Mitarbeitenden Leitplanken gibt, ihnen innerhalb dieses Handlungsrahmens aber auch Gestaltungsspielraum lässt und sie in ihrer Lösungsorientierung unterstützt, ohne Mikromanagement zu betreiben. Führungskräfte, die Verantwortung abgeben, unterstützen die Selbstwirksamkeit ihrer Teammitglieder.

Sie sind Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Weshalb haben Sie diesen Weg eingeschlagen?

Der Mensch und die Frage, wie er funktioniert bzw. wie er nicht funktioniert, haben mich schon immer interessiert, jedoch wollte ich mich – ich übertreibe jetzt etwas – nicht so gerne mit Kniegelenken, Lebern und Nieren befassen. (lacht) Ich fand es spannender, mich mit dem Gehirn, dem Sitz der Psyche des Menschen, auseinanderzusetzen. Ich hatte bereits ein Jahr lang Kommunikationswissenschaften studiert und wechselte dann zur Medizin. Es fiel mir allerdings schwer, mich zwischen Psychologie und Medizin zu entscheiden. Im Nachhinein bin ich froh, Medizin studiert und als Ärztin gearbeitet zu haben. Wenngleich ich nicht der Meinung bin, dass Coaches zwingend eine medizinische oder therapeutische Ausbildung brauchen, stellt die Medizin ein sehr gutes Fundament hinsichtlich dessen dar, was ich heute mache. Zu wissen und zu verstehen, was in jemandem passiert, der krank ist, hilft mir ungemein bei der Prävention.

Sie arbeiteten an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München und anschließend als niedergelassene Fachärztin. Warum haben sie diese Tätigkeit zugunsten des Coachings aufgegeben?

Ich bin verhaltenstherapeutisch ausgerichtet und viele Strategien, die man im Coaching nutzt, stammen aus der Verhaltenstherapie, sodass es bereits eine methodische Nähe gab. Ich engagierte mich zudem in einer Arbeitsgruppe, die sich mit psychischer Gesundheit am Arbeitsplatz befasste, das Thema beforschte und Workshops in Unternehmen und Behörden anbot. Die Thematik hat mich sehr interessiert und so hat sich alles Weitere nach und nach entwickelt.

Sind Sie im Zuge der Workshops an Punkte gestoßen, deren Bearbeitung des Einzel-Coachings bedurfte?

Ja, das passierte. Workshops und Seminare können insbesondere zur Sensibilisierung für das Thema beitragen und Wissen vermitteln. Als Verhaltenstherapeutin war mir aber immer klar, wie viel mehr man im Einzel-Setting für das Individuum erreichen kann, sofern es motiviert ist und freiwillig erscheint. Daher war es nie mein Ziel, die Arbeit mit Einzelpersonen aufzugeben. Es kommt auch vor, dass Workshopteilnehmende später zu mir ins Coaching kommen, um auf individueller Ebene weiterzuarbeiten. Neben den Workshops und Coachings berate ich Unternehmen und Behörden hinsichtlich der Frage, welche Maßnahmen für sie sinnvoll sind. Es gibt viele Anbieter und Konzepte im Bereich gesunder Führung, aber nicht jede Maßnahme ist für jede Organisation geeignet. Hier kann man viel Geld verbrennen. Auch diese Tätigkeit bereitet mir großen Spaß.

Sie waren Oberärztin. Haben Sie aus dieser Führungsrolle Erfahrungen mitgenommen, die Ihre heutige Arbeit prägen?

Durchaus, allerdings ist meine Führungsrolle bei Kitchen2Soul, dem Unternehmen, das ich 2015 zusammen mit Katrin Große gründete, hier noch relevanter. In dieser Rolle ist mir nochmals sehr bewusst geworden, wie wichtig Selbstreflexion und Selbstregulation sind, um andere Menschen führen zu können. Ich merkte, dass ich es stark auf das Team übertrug, wenn ich gestresst war. Je nachdem, wie man in Stresssituationen reagiert, kann man sehr viel Ruhe oder auch Chaos ins Team bringen. Zum Glück hatte und habe ich Mitarbeitende, die mir Feedback geben und sagen können: „Wir merken, dass gerade irgendetwas nicht in Ordnung ist.“ Ich konnte das Feedback auch annehmen – zumindest nach einer gewissen Zeit. Feedback zu erhalten und anzunehmen, kann eine große Chance darstellen, positive Veränderungen anzugehen. Aus diesem Grund sind Beziehungen so wichtig – sowohl im Beruflichen als auch im Privaten. Man sagt, je höher Führungskräfte aufsteigen, desto weniger ehrliches Feedback bekommen sie. Der Selbstreflexion ist dies nicht förderlich.

Sie bieten Trainings im Bereich der Arzt-Patienten-Kommunikation an. Wie sollte eine solche aussehen?

Oftmals treffen Ärzte unüberlegte Aussagen, mit denen die Patienten dann alleine gelassen werden und dekompensieren. Sagt der Arzt etwa „Oh, das sieht schlecht aus!“, kann dies der Selbstwirksamkeitserwartung des Patienten schaden. Es fehlt einfach häufig an Wissen darüber, was Kommunikation bewirkt. Das war damals – die Tätigkeit habe ich während meiner Zeit in der Klinik aufgenommen – der Anlass, hier aktiv zu werden. Grundsätzlich sind Aspekte förderlich, die in jeder Art der Kommunikation und Beziehung angebracht sind: Interesse zeigen, den Patienten ernst nehmen, mit ihm auf Augenhöhe sprechen, ihm zuhören und nicht sofort ins Wort fallen. Ärzte unterbrechen ihre Patienten – da gibt es unterschiedliche Studien – nach etwa 14 Sekunden. Das ist der Wahnsinn und natürlich führt dies auf Patientenseite zu Unzufriedenheit. Es geht dabei um die Haltung, mit der dem Patienten begegnet wird. Trete ich als Halbgott in Weiß auf oder zeige ich Empathie und stelle Fragen, durch die der Patient sich wahr- und ernstgenommen fühlt? Das Menschliche geht leider oft ein Stück weit verloren, wobei die Studiengänge mittlerweile mehr Wert auf das Thema Kommunikation legen.

Coaches begreifen ihr Gegenüber als Experte für sich selbst. Raten Sie dies auch den Ärzten?

Ja, definitiv. Ärzte sollten zudem die Ressourcen ihrer Patienten stärken und nicht nur defizitär denken. Coaching-Wissen ist für Ärzte sehr hilfreich. Allein zu verstehen, wie man Patienten über Fragestellungen motivieren kann, ist sehr wertvoll. Das Thema Motivation spielt ja eine riesige Rolle bei der Behandlung. Man denke an die Veränderungsmotivation. Wenn ein Diabetiker Gewicht verlieren sollte, sagt mancher Arzt: „Sie müssen abnehmen.“ Super, das ist ja sehr motivierend. (lacht) Von Grundkompetenzen im Coaching, in motivierender Gesprächsführung und von Ressourcenorientierung können Ärzte nur profitieren und ich versuche, dies zu vermitteln. Nach meiner Zeit in der Klinik arbeitete ich als niedergelassene Psychiaterin in einer kassenärztlichen Praxis. Daher weiß ich, dass die Rahmenbedingungen nicht einfach sind. Wenn man einmal im Quartal 15 Minuten mit einem Patienten hat, ist das in der Psychiatrie sehr wenig. Das bedingt starken Druck. Mit dem Patienten gute Gespräche zu führen, wird – das gilt auch für andere Fachrichtungen – institutionell nicht gefördert. Dennoch kann ich die zur Verfügung stehende Zeit gut oder schlecht nutzen, den Patienten beispielsweise ressourcenorientiert in seiner Resilienz stärken oder defizitorientiert schwächen. Leider spielt Resilienzförderung in der ärztlichen Ausbildung keine nennenswerte Rolle, obwohl gerade kranke Menschen Wege finden müssen, mit ihrer Situation umzugehen. Auf den Impuls, hier schon mit wenig recht viel erreichen zu können, reagieren viele Ärzte – aber natürlich nicht alle – mit großem Interesse.

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Macht Arbeit psychisch krank?

Macht Arbeit psychisch krank?

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8–12 Minuten

Immer mehr Mitarbeitende leiden an psychischen Erkrankungen 

Die Rate an Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tage) aufgrund von psychischen Erkrankungen ist zwischen 2009 und 2018 um ca. 60% angestiegen ohne dass eine Stagnation in Sicht ist. Aktuell muss man mit durchschnittlich 299 Krankheitstagen aufgrund von psychischen Erkrankungen pro Jahr pro 100 Mitarbeiter*innen rechnen, wie der aktuelle Fehlzeitenreport der AOK aufzeigt. Nach Angaben der deutschen Rentenversicherung hat auch der Anteil psychischer und psychosomatischer Erkrankungen an den Frühberentungen stark zugenommen, sodass mittlerweile fast jede zweite Frühberentung auf eine psychisch bedingte Erwerbsminderung zurückgeht.

Als wären diese Zahlen nicht schon alarmierend genug, bildet sich in aktuellen, repräsentativen Umfragen unter deutschen Arbeitnehmer*innen ab, dass die subjektive Belastung noch viel höher liegt: mehr als 60 Prozent der Befragten fühlen sich oft gestresst und die Hälfte der Beschäftigten schätzt sich selbst als mäßig bis hoch Burnout-gefährdet ein und klagt über Beschwerden wie Rückenschmerzen, Erschöpfung oder Schlafstörungen.

Viele meiner Klient*innen, die sich Unterstützung durch Coaching und Beratung suchen, sowie viele der Mitarbeiter*innen und Führungskräfte in den Unternehmen, die ich im Gesundheitsmanagement unterstütze, berichten vor allem vom Gefühl gehetzt und fremdbestimmt zu sein, nur noch To-do‘s abzuarbeiten und sie berichten von der Angst nicht mehr mitzukommen, abgehängt zu werden und „etwas“, oftmals sogar „ihr Leben“, zu verpassen. 

Auch die Gestaltung des Arbeitsumfelds wirkt entsprechend auf das Wohlbefinden der Arbeitnehmer*innen ein.

Woher kommt dieses omnipräsente Gefühl von Überforderung, Sorgen und Hetze? Ist die Arbeit „schuld“? Sind wir eine psychisch kranke Gesellschaft (geworden)?

Ich möchte zunächst die zweite Frage beantworten und vor dem Hintergrund der Gesamtschau der Befunde verneinen. Fast alle wissenschaftlichen Ausführungen zu diesem Thema belegen, dass es heutzutage nicht mehr Menschen gibt, die an psychischen Erkrankungen leiden und dass die AU-Raten nicht die „wahre“ Prävalenz, also Krankheitshäufigkeit, wiederspiegeln. Weiterhin erkranken ungefähr ein Drittel der Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben an einer diagnostizierbaren und behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung, am häufigsten treten Angsterkrankungen und Depression auf. Das war vor 15 bis 20 Jahren auch schon so. Allerdings holt sich immer noch nur die Minderheit der Betroffenen professionelle Hilfe, wie sich in repräsentativen epidemiologischen Studien gezeigt hat. Zu Hausärzten, Psychotherapeuten und Psychiatern kommen häufig die Menschen, die noch die Kraft aufbringen, Wartezeiten in Kauf zu nehmen und auch hartnäckig nach einem Psychotherapietermin zu verlangen. Und so spiegeln die AU-Bescheinigungen nicht die reale Krankheitslast einer Gesellschaft wider. Es wird diskutiert, dass immer mehr sogenannte „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ in den Vordergrund rücken und zu Diagnosen werden und somit auf den AU-Bescheinigungen und in den Statistiken auftauchen. Ärzte scheinen besser zu differenzieren zwischen körperlichen Beschwerden und psychischen Hintergründen dieser Symptome, z.B. berücksichtigen sie bei Rückenschmerzen den stressassoziierten Kontext eher. Auch die Patienten scheinen eher bereit zu sein über ihre psychischen Probleme zu sprechen und eine „psychische“ Diagnose anzunehmen und nicht auf die körperliche Erklärung der Symptome zu bestehen. Früher hatte man Rücken, heute ein Burnout. Burnout – im Übrigen- ist keine anerkannte Diagnose, allerdings eine Vorstufe bzw. ein Risikofaktor für das Entstehen einer Depression, Angststörung oder anderer Erkrankungen. 

Zusammenfassend können wir also festhalten, dass sich die gesellschaftliche Akzeptanz über psychische Beschwerden und Probleme zu reden und sich für diese Probleme – wenn sie denn nicht zu heftig sind – Unterstützung beim Arzt (inklusive Krankmeldung und eventuell Verordnung von Medikamenten) zu holen, erhöht hat und dass auch Ärzte sensibilisierter sind. Insgesamt kann dies vielfach dabei helfen psychische Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und zu behandeln und damit einer Chronifizierung vorzubeugen. Kritisch anmerken möchte ich allerdings, dass gleichzeitig oft auch Probleme in der Bewältigung von schwierigen aber völlig normalen Lebensereignissen, zum Beispiel Konflikten, Todesfällen und Trauer, Trennungen und Stress am Arbeitsplatz, pathologisiert werden. Wirklich ernsthaft erkrankte Menschen, die an schweren Depressionen, Angststörungen oder Psychosen leiden, werden weiterhin stark stigmatisiert, stigmatisieren sich damit auch selbst und erhalten nicht zuletzt deswegen eher zu spät Hilfe. 

Wenn wir nun eigentlich nicht psychisch kränker sind als früher, warum fühlen wir uns dann so sehr unter Druck, ausgebrannt und gestresst bis hin zu dem Gefühl einfach nicht mehr „zu können“?

Auch dazu gibt es viel Diskussion und Spekulation. Die Veränderungen der Arbeitswelt und die Beschleunigung und zunehmende Komplexität, das hohes Maß an Unsicherheit und Instabilität, agile Arbeitsprozesse sowie weiterhin traditionelle, noch strak hierarchische und patriarchalische Unternehmenskulturen, in denen der Mensch als Ressource in den Hintergrund fällt, werden als Gründe aufgeführt. Unsere Welt ist volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig (VUCA) geworden.  Aber ist das neu? Waren unsere Vorfahren während der französischen Revolution und zwischen oder gar während der Weltkriege in stabileren Verhältnissen? Waren die Erfindungen der Dampflokomotive, des Telefons und des Automobils nicht auch mit Beschleunigung und Veränderung verbunden? Unterschätzen wir als Menschen der aktuellen Generationen vielleicht sogar unsere Resilienz, unsere seelische Widerstandsfähigkeit? Haben wir sogar vergessen oder gar nie gelernt, dass wir viel bewältigen und verkraften können, dass in Krisen Chancen liegen und sie uns sogar belastbarer für die Zukunft machen? Einige Autoren und Wissenschaftler sagen „ja“. Denn wir leben in unseren Breitengraden in den sichersten Zeiten überhaupt. 

Mangelnde Wertschätzung und wenig Handlungsspielraum bei der Arbeit wirken sich negativ auf die Gesundheit aus

Noch nie war das Risiko an Mord und Krankheit zu sterben so gering wie aktuell. Noch nie waren wir sozial so gut abgesichert und haben in solch einem Überfluss gelebt, wie gerade jetzt. Und gleichzeitig sind wir einer Negativität anheimgefallen, die durch klassische und soziale Medien befeuert wird. Selbstverständlich hat auch der Arbeitskontext Einfluss auf uns. Wenn wir die wesentlichen Studien zu der Frage: „welche Faktoren am Arbeitsplatz wirken wirklich negativ auf unsere (psychische) Gesundheit aus“ zusammenfassen, bleibt eine interessante Erkenntnis übrig: es ist nicht die vermeintliche ständige Erreichbarkeit, es sind nicht mal die dauernden Unterbrechungen oder die Digitalisierung, die uns ängstigen und „fertig“ machen, es sind vor allem die mangelnde Wertschätzung (nach dem Psychologen Siegrist) und ein zu geringer Handlungsspielraum bei komplexen Aufgabestellungen (nach dem Psychologen Karasek). Es gibt eine Vielzahl von Studien, die zeigen, dass Menschen, die sich für ihren Job oder eine Aufgabe engagieren bzw. verausgaben und gefühlt zu wenig Wertschätzung (durch Lob und Anerkennung der Führungskräfte, durch einen angemessenen Lohn aber auch durch Arbeitsplatzsicherheit und Aufstiegschancen) zurückerhalten und / oder dass Menschen, die zu wenig selbst darüber bestimmen können, wie sie komplexe Aufgaben lösen, die z.B. Micro-Management und stark kontrollierenden Führungskräften und Strukturen unterworfen sind, in negativen Stress geraten. Dieser wiederum ist mit einer erhöhten Auftretenswahrscheinlichkeit von Depression, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eventuell auch Angststörungen assoziiert. Kommt neben mangelnder Wertschätzung, zu geringem Handlungsspielraum noch Ungerechtigkeit dazu, dann erhöht sich damit sogar das Risiko aufgrund einer Depression frühverrentet zu werden. Insgesamt muss allerdings im Auge behalten werden, dass uns die Arbeit grundsätzlich gesund erhält!  Arbeitslose Menschen, die damit aus sozialen Strukturen herausfallen, die in Unsicherheit mit Zukunftsangst und in Selbstzweifeln leben und die keiner sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen können, werden häufiger psychisch krank. 

Je mehr Stressoren von uns ferngehalten werden, umso weniger können wir lernen mit ihnen umzugehen

Wenn nun die Arbeitsplatzfaktoren nur zu einem Anteil dazu beitragen, dass wir uns so überfordert und gestresst fühlen, Ängste, Sorgen und Schlafstörungen haben, was sind dann weitere mögliche Ursachen?  Es hängt auch davon ab, wie wir mit Stress und Unsicherheiten umgehen, was wir überhaupt als negativ stressig bewerten, ob wir im Blick behalten, was im Leben wirklich wichtig und sinnstiftend ist, was zu einem zufriedenen Leben hauptsächlich beiträgt und woran wir den Erfolg unsres Leben messen. Und es hängt damit zusammen, ob wir während unseres bisherigen Lebens gelernt haben mit Unsicherheiten und Stressoren, belastenden Ereignissen und Herausforderungen umzugehen. Je beschützter wir aufwachsen, je mehr Probleme und Schwierigkeiten von uns ferngehalten werden oder wir ihnen aus dem Weg gehen, desto weniger trainieren wir unsere Kompetenzen mit Herausforderungen umzugehen, desto weniger Handlungs-Repertoire haben wir. Damit steigt unsere Angst, denn das, was wir nicht kennen und können, ängstigt uns noch mehr und lässt uns genau solche Situationen tendenziell erneut vermeiden; ein ungünstiger Kreislauf, der manchmal auch als „Hamsterrad“ bezeichnet wird. Von innen sieht ein Hamsterrad auch mal aus wie eine Karriereleiter. Wir machen uns abhängig von der Bewertung anderer, von durch die Medien und Werbung vorgegebene vermeintliche Bedürfnisse und deren Befriedigung und vergessen darüber, was wirklich wichtig im Leben ist, weil wir zu wenig reflektieren und Perspektivwechsel vornehmen. Wir sind nicht mehr gerne mit uns und unseren Gedanken alleine, – auch wieder aus einer Angst heraus-, denn es könnte sich ja zeigen, dass das was wir tun, wie wir leben, doch nicht das ist, was unseren Werten entspricht und wir wirklich wollen. Also treten wir weiter in der Mühle.  

Wertschätzendes Führungsverhalten wirkt sich positiv auf die Mitarbeiterebene aus 

Wie kommen wir also als Gesellschaft wieder zurück zu einem Gefühl von Selbstwirksamkeit, Selbstbestimmung und zu unserer seelischen Widerstandsfähigkeit? Zunächst die Frage, was Unternehmen dazu beitragen können, damit Mitarbeiter*innen sich weniger selbst ausbrennen aber auch weniger verheizt werden – und mir ist dabei wichtig zu betonen, dass den Unternehmen, die ja der Treibstoff einer Gesellschaft sind, hierbei eine enorme Verantwortung obliegt. Im Prinzip ist es ganz einfach und kostet nicht mal viel Geld oder Zeit: Wertschätzung leben, den Mensch wieder in den Fokus rücken, ein humanistischer Umgang miteinander auch mit sich selbst, denn Führungskräfte haben eine nicht zu unterschätzende Vorbildfunktion, Reflexion der Führungs- und Unternehmenswerte und vor allem Überdenken der Definition von Erfolg und der Überzeugung, dass dieser nur an Zahlen gemessen werden kann. In zahlreichen Studien konnte belegt werden, dass das Führungsverhalten direkten negativen aber auch positiven Einfluss auf die psychische Gesundheit und das Stressempfinden der Mitarbeiter hat und, dass durch Führungskräfteschulungen nachhaltig Prävention betrieben werden kann. Und was kann nun jede*r für sich tun?:  Nicht darauf warten, dass sich andere, das Unternehmen, das System ändern werden und damit dann alles „besser“ wird. Sich nicht als Opfer der Umstände sehen und über die Umstände „verzweifeln“, sondern aktiv reflektieren und hinterfragen: „was kann ich konkret ändern?“ Was könnte das sein? Die positive Psychologie (nach Martin Seligman) und die Resilienzforschung bieten einige sehr einfache aber enorm wirkungsvolle Methoden: sich in Dankbarkeit zu üben ist mein Favorit. Indem wir uns täglich vor Augen führen, wofür wir dankbar sind, reduzieren wir – das zeigen etliche Studien – unsere Gefühle von Neid und Missgunst sowie unser Stresserleben, und verbessern unseren Umgang mit Unsicherheiten. 

Ein Leben ohne Stress, Sorgen und Ängste gibt es nicht

Neues ängstigt uns nicht so sehr, Unsicherheiten rauben uns nicht mehr den Schlaf, wir werden gelassener, weil wir uns auf das besinnen, was wir haben, was positiv ist. Wenn wir uns dann noch um ein gutes soziales Netz kümmern, das ist nämlich der wichtigste Faktor für ein zufriedenes Leben (nicht Ruhm, beruflicher Erfolg oder gar Geld), uns ein wenig in Achtsamkeit üben um den gegenwärtigen Moment wahrzunehmen, -das einzige, was wir wirklich haben-, und unsere sogenannten Glaubenssätze oder innere Antreiber (z.B. „ich  muss es allen recht machen“, „ich möchte von allen gemocht werden“, „ich muss perfekt sein“) hinterfragen und reduzieren, dann leben wir auch in der „VUCA – Welt“ ein gutes und selbstbestimmtes Leben. Ein Leben ohne Ängste und Sorgen, ohne Schwierigkeiten, Konflikte, Trauer, Krankheit und Tod gibt es nicht. Allerdings sind wir in der Lage das alles gut zu bewältigen. „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen“, sagte schon Aristoteles. 

Der Artikel ist zuerst hier erschienen: https://www.angstselbsthilfe.de/macht-arbeit-psychisch-krank/

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Rache- und Vergeltungswünsche loslassen

Rache- und Vergeltungswünsche loslassen

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5–7 Minuten

Wie wir Verantwortung für uns übernehmen, gelassen und frei leben.

Everett Worthington war fünfzig Jahre alt, als er und sein Bruder Mike ihre Mutter in ihrer Wohnung vergewaltigt und ermordet auffanden. Everett, der bereits als Psychologe arbeitete, begann nach diesem schrecklichen Erlebnis, über das Konzept der Vergebung zu forschen.[1] Er lernte schließlich, dem Mörder seiner Mutter zu vergeben (was natürlich kein einfacher und schneller Prozess war). Sein Bruder litt derart unter diesem Erlebnis, dass er sich neun Jahre später das Leben nahm. Everett fühlte sich nun schuldig am Tod seines Bruders und erweiterte seine Studien auf die Frage, wie wir uns selbst vergeben können. Für ihn ist der Schlüssel zur Bewältigung der Vergangenheit die Vergebung. 

Befreiung durch Vergebung 

Hass, Rachegelüste und Vergeltungswünsche beziehen sich auf bereits Geschehenes und halten uns gedanklich und emotional in der Vergangenheit fest. Was entsteht, ist Verbitterung. Um den Weg für die Zukunft frei zu machen und um die Gegenwart zu erleben, müssen wir also Rache und Vergeltungswünsche loslassen. Vergebung bedeutet dabei keineswegs, die Tat zu billigen, den Täter in Schutz zu nehmen oder ihn aus seiner Verantwortung zu entlassen. Vergebung bedeutet vielmehr, sich selbst von den eigenen zermürbenden Gefühlen von Rache und Feindseligkeit zu befreien und die unabänderliche Vergangenheit zu akzeptieren. Es erscheint vielleicht unvorstellbar, dass ein Vater im Gerichtssaal dem Mörder seiner Tochter vergibt. Für den Vater bedeutet es dennoch Loslassen und Befreiung.

Depressionen durch Zorn und Hassgefühle

In unserem Alltag finden wir uns immer wieder in Situationen, in denen wir gekränkt und verletzt werden. Es muss sich dabei gar nicht um traumatisierende Ereignisse handeln, die zu Frustration und Enttäuschung führen. Subjektiv empfundene mangelnde Wertschätzung, Vertrauensbrüche und Ungerechtigkeiten sind hier oft die Auslöser. Auch das Nichteintreten von Erwartungen, seien sie realistisch oder nicht, frustriert (»Ich habe doch ein Recht auf …«, »Es steht mir doch zu, dass …«, »Wieso die anderen und nicht ich?«). Es gibt eindeutige wissenschaftliche Belege, die zeigen, dass das langfristige Festhalten an Groll und Feindseligkeit zu körperlichen und psychischen Problemen führen kann. Sich in Vergebung zu üben hingegen reduziert Depressivität, Zorn und Feindseligkeit sowie Stress. Es steigert die Zufriedenheit, Zuversicht und das Glücksgefühl.[2] Durch die Fähigkeit, vergeben zu können, erhöhen wir zudem unseren Optimismus,[3] was ja ein wichtiger Meilenstein zur Selbstfürsorge ist.

Rachegelüste loswerden und Frieden schließen

Wie funktioniert Vergebung? Stellen wir uns folgende Situation vor: An Ihrem Arbeitsplatz hat Sie eine bisher »gute« Kollegin sehr enttäuscht. Sie hat hinter Ihrem Rücken mit dem Chef eine Entscheidung gegen Sie getroffen, obwohl Sie es anders vereinbart hatten. Als Sie sie darauf ansprachen, überging sie die Angelegenheit mit einem geringschätzigen Schulterzucken. Sie fühlen sich verständlicherweise sehr gekränkt und sind enttäuscht. Seither hegen Sie Rachegelüste.

Angelehnt an die Vorschläge Worthingtons (fünf Schritte der Vergebung),[4] könnten Sie Folgendes probieren (das Vorgehen ist wissenschaftlich evaluiert):

  1. Erinnern Sie sich ganz genau an die Kränkung oder Verletzung. Sehen Sie sich dabei weder als Opfer, noch verteufeln Sie den Täter (in diesem Fall Ihre Kollegin). Entscheiden Sie sich bewusst dafür zu vergeben.
  2. Stellen Sie sich vor, sie säßen der Person (hier also Ihrer Kollegin) gegenüber und sagten ihr, wie Sie sich fühlen (zum Beispiel enttäuscht, gekränkt, traurig, zornig …). Sie können dies laut aussprechen und wirklich so tun, als säße die Person vis-à-vis. Versetzen Sie sich dann in sie (in die Kollegin). Was könnten die Beweggründe gewesen sein, weshalb sie so gehandelt hat? Vielleicht wird jetzt verständlicher, warum sie sich so verhalten und Sie damit verletzt hat. Sie entschuldigen damit weder sie noch ihr Vorgehen. Sie wechseln allerdings die Perspektive.
  3. Verzeihen Sie der Person in Gedanken: »Ich verzeihe dir.« Es hilft, an Situationen zu denken, in denen Sie selbst jemand anderen verletzt haben. Das passiert. Und war es dann nicht erleichternd, wenn Ihnen verziehen wurde?
  4. Schreiben Sie nun auf einen Zettel, dass Sie der Person (Ihrer Kollegin) verziehen haben.
  5. Erinnern sich immer wieder daran, indem Sie den Text auf dem Zettel lesen, am Anfang täglich. So festigt sich Ihr Entschluss. Sie lassen Ihren Zorn oder Ihre Rachegefühle los. Sie können mit der Situation oder dem Menschen schließlich Ihren Frieden schließen.

Probieren Sie diese Schritte bei relativ kleinen Kränkungen und Verletzungen aus, zum Beispiel an dem Autofahrer, der Ihnen den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hat, an Ihrem Partner, der etwas in Ihren Augen »falsch« gemacht hat, an der Frau in der Bahn, die Sie gerade gestoßen hat, an dem »Unfallgegner«, der Ihnen eine heftige Delle ins neue Auto gefahren hat, an Ihrem Kind, dem soeben die teure Vase heruntergefallen ist. Gelingt Ihnen das, steigern Sie sich und vergeben Menschen, die Sie stärker verletzt haben. Sie werden, nachdem Sie sich anfänglich dazu haben durchringen müssen, eine große Erleichterung spüren.

Belastbarkeit erhöhen und Kritik nicht persönlich nehmen

Sich vorbeugend gegen kleinere Kränkungen und Verletzungen zu immunisieren ist auch eine Strategie: Nehmen Sie nichts persönlich! Wenn die Kollegin Sie wie in dem eben genannten Beispiel hintergeht, sagt das etwas über diese Dame aus, aber nicht über Sie. Im Zweifelsfall hat das mit Ihnen persönlich noch nicht einmal etwas zu tun. Wenn ich zum Beispiel hungrig bin, werde ich wie gesagt gereizt und mag dadurch schon manches Mal jemanden verletzt oder gekränkt haben. Hatte es etwas mit dem anderen zu tun? Nein, es lag an mir und meinem Hunger. Nehmen Sie also nichts persönlich!

Selbstfürsorge heißt auch, sich selbst zu vergeben. Für vermeintliche Fehler oder Schwächen, für Gelegenheiten, die wir verpasst haben, für Unwissenheit, für Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben, für unsere begrenzte Belastbarkeit und dafür, dass wir nicht immer so funktionieren, wie wir uns das wünschen oder gar erwarten. Manches können wir wiedergutmachen, anderes nicht. Manche werden unsere Entschuldigung annehmen, andere nicht. Sich selbst zu verzeihen funktioniert genauso wie die eben genannten fünf Schritte, nur dass Sie sie auf sich anwenden und mit sich in ein Zwiegespräch treten. Wechseln Sie auch da die Perspektive, und überlegen Sie sich, wieso Sie damals wohl so gehandelt haben, um für sich selbst ein größeres Verständnis aufzubringen. Da unsere Selbstvorwürfe und Schuldgefühle oft überzogen und sogar irrational sind, sollten Sie sie einem Realitätscheck unterziehen. Manchmal ist allerdings eine professionelle Unterstützung sinnvoll und nötig, um über schwere Kränkungen, Verletzungen oder gar Traumatisierungen hinwegzukommen.

[Selbstreflexion Anfang]

Wem möchte ich was verzeihen? 

Was möchte ich mir selbst verzeihen?

[Selbstreflexion Ende]

Aus: Tatjana Reichhart: Das Prinzip Selbstfürsorge. Wie wir Verantwortung für uns übernehmen und gelassen und frei leben. Roadmap für den Alltag. Kösel Verlag München, 2019


[1] Worthington, Everett: How can you REACH Forgiveness?, http://www.evworthington-forgiveness.com, abgerufen am 21.7.2018

[2] Akhtar, S./Barlow, J.: »Forgiveness therapy for the promotion of mental well-being: A systematic review and meta-analysis«, Trauma, Violence, & Abuse 19 (1), 2018, S. 107–122; weiterführende Studien zu dem Thema: A Bibliography of Scientific Literature about Forgiveness, http://www.forgivenessresearch.com, abgerufen am 6.10.2018

[3] Seligman: Der Glücks-Faktor, a. a. O.

[4] Worthington, a. a. O.