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Rache- und Vergeltungswünsche loslassen

Rache- und Vergeltungswünsche loslassen

Lesedauer

5–7 Minuten

Wie wir Verantwortung für uns übernehmen, gelassen und frei leben.

Everett Worthington war fünfzig Jahre alt, als er und sein Bruder Mike ihre Mutter in ihrer Wohnung vergewaltigt und ermordet auffanden. Everett, der bereits als Psychologe arbeitete, begann nach diesem schrecklichen Erlebnis, über das Konzept der Vergebung zu forschen.[1] Er lernte schließlich, dem Mörder seiner Mutter zu vergeben (was natürlich kein einfacher und schneller Prozess war). Sein Bruder litt derart unter diesem Erlebnis, dass er sich neun Jahre später das Leben nahm. Everett fühlte sich nun schuldig am Tod seines Bruders und erweiterte seine Studien auf die Frage, wie wir uns selbst vergeben können. Für ihn ist der Schlüssel zur Bewältigung der Vergangenheit die Vergebung. 

Befreiung durch Vergebung 

Hass, Rachegelüste und Vergeltungswünsche beziehen sich auf bereits Geschehenes und halten uns gedanklich und emotional in der Vergangenheit fest. Was entsteht, ist Verbitterung. Um den Weg für die Zukunft frei zu machen und um die Gegenwart zu erleben, müssen wir also Rache und Vergeltungswünsche loslassen. Vergebung bedeutet dabei keineswegs, die Tat zu billigen, den Täter in Schutz zu nehmen oder ihn aus seiner Verantwortung zu entlassen. Vergebung bedeutet vielmehr, sich selbst von den eigenen zermürbenden Gefühlen von Rache und Feindseligkeit zu befreien und die unabänderliche Vergangenheit zu akzeptieren. Es erscheint vielleicht unvorstellbar, dass ein Vater im Gerichtssaal dem Mörder seiner Tochter vergibt. Für den Vater bedeutet es dennoch Loslassen und Befreiung.

Depressionen durch Zorn und Hassgefühle

In unserem Alltag finden wir uns immer wieder in Situationen, in denen wir gekränkt und verletzt werden. Es muss sich dabei gar nicht um traumatisierende Ereignisse handeln, die zu Frustration und Enttäuschung führen. Subjektiv empfundene mangelnde Wertschätzung, Vertrauensbrüche und Ungerechtigkeiten sind hier oft die Auslöser. Auch das Nichteintreten von Erwartungen, seien sie realistisch oder nicht, frustriert (»Ich habe doch ein Recht auf …«, »Es steht mir doch zu, dass …«, »Wieso die anderen und nicht ich?«). Es gibt eindeutige wissenschaftliche Belege, die zeigen, dass das langfristige Festhalten an Groll und Feindseligkeit zu körperlichen und psychischen Problemen führen kann. Sich in Vergebung zu üben hingegen reduziert Depressivität, Zorn und Feindseligkeit sowie Stress. Es steigert die Zufriedenheit, Zuversicht und das Glücksgefühl.[2] Durch die Fähigkeit, vergeben zu können, erhöhen wir zudem unseren Optimismus,[3] was ja ein wichtiger Meilenstein zur Selbstfürsorge ist.

Rachegelüste loswerden und Frieden schließen

Wie funktioniert Vergebung? Stellen wir uns folgende Situation vor: An Ihrem Arbeitsplatz hat Sie eine bisher »gute« Kollegin sehr enttäuscht. Sie hat hinter Ihrem Rücken mit dem Chef eine Entscheidung gegen Sie getroffen, obwohl Sie es anders vereinbart hatten. Als Sie sie darauf ansprachen, überging sie die Angelegenheit mit einem geringschätzigen Schulterzucken. Sie fühlen sich verständlicherweise sehr gekränkt und sind enttäuscht. Seither hegen Sie Rachegelüste.

Angelehnt an die Vorschläge Worthingtons (fünf Schritte der Vergebung),[4] könnten Sie Folgendes probieren (das Vorgehen ist wissenschaftlich evaluiert):

  1. Erinnern Sie sich ganz genau an die Kränkung oder Verletzung. Sehen Sie sich dabei weder als Opfer, noch verteufeln Sie den Täter (in diesem Fall Ihre Kollegin). Entscheiden Sie sich bewusst dafür zu vergeben.
  2. Stellen Sie sich vor, sie säßen der Person (hier also Ihrer Kollegin) gegenüber und sagten ihr, wie Sie sich fühlen (zum Beispiel enttäuscht, gekränkt, traurig, zornig …). Sie können dies laut aussprechen und wirklich so tun, als säße die Person vis-à-vis. Versetzen Sie sich dann in sie (in die Kollegin). Was könnten die Beweggründe gewesen sein, weshalb sie so gehandelt hat? Vielleicht wird jetzt verständlicher, warum sie sich so verhalten und Sie damit verletzt hat. Sie entschuldigen damit weder sie noch ihr Vorgehen. Sie wechseln allerdings die Perspektive.
  3. Verzeihen Sie der Person in Gedanken: »Ich verzeihe dir.« Es hilft, an Situationen zu denken, in denen Sie selbst jemand anderen verletzt haben. Das passiert. Und war es dann nicht erleichternd, wenn Ihnen verziehen wurde?
  4. Schreiben Sie nun auf einen Zettel, dass Sie der Person (Ihrer Kollegin) verziehen haben.
  5. Erinnern sich immer wieder daran, indem Sie den Text auf dem Zettel lesen, am Anfang täglich. So festigt sich Ihr Entschluss. Sie lassen Ihren Zorn oder Ihre Rachegefühle los. Sie können mit der Situation oder dem Menschen schließlich Ihren Frieden schließen.

Probieren Sie diese Schritte bei relativ kleinen Kränkungen und Verletzungen aus, zum Beispiel an dem Autofahrer, der Ihnen den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hat, an Ihrem Partner, der etwas in Ihren Augen »falsch« gemacht hat, an der Frau in der Bahn, die Sie gerade gestoßen hat, an dem »Unfallgegner«, der Ihnen eine heftige Delle ins neue Auto gefahren hat, an Ihrem Kind, dem soeben die teure Vase heruntergefallen ist. Gelingt Ihnen das, steigern Sie sich und vergeben Menschen, die Sie stärker verletzt haben. Sie werden, nachdem Sie sich anfänglich dazu haben durchringen müssen, eine große Erleichterung spüren.

Belastbarkeit erhöhen und Kritik nicht persönlich nehmen

Sich vorbeugend gegen kleinere Kränkungen und Verletzungen zu immunisieren ist auch eine Strategie: Nehmen Sie nichts persönlich! Wenn die Kollegin Sie wie in dem eben genannten Beispiel hintergeht, sagt das etwas über diese Dame aus, aber nicht über Sie. Im Zweifelsfall hat das mit Ihnen persönlich noch nicht einmal etwas zu tun. Wenn ich zum Beispiel hungrig bin, werde ich wie gesagt gereizt und mag dadurch schon manches Mal jemanden verletzt oder gekränkt haben. Hatte es etwas mit dem anderen zu tun? Nein, es lag an mir und meinem Hunger. Nehmen Sie also nichts persönlich!

Selbstfürsorge heißt auch, sich selbst zu vergeben. Für vermeintliche Fehler oder Schwächen, für Gelegenheiten, die wir verpasst haben, für Unwissenheit, für Verletzungen, die wir anderen zugefügt haben, für unsere begrenzte Belastbarkeit und dafür, dass wir nicht immer so funktionieren, wie wir uns das wünschen oder gar erwarten. Manches können wir wiedergutmachen, anderes nicht. Manche werden unsere Entschuldigung annehmen, andere nicht. Sich selbst zu verzeihen funktioniert genauso wie die eben genannten fünf Schritte, nur dass Sie sie auf sich anwenden und mit sich in ein Zwiegespräch treten. Wechseln Sie auch da die Perspektive, und überlegen Sie sich, wieso Sie damals wohl so gehandelt haben, um für sich selbst ein größeres Verständnis aufzubringen. Da unsere Selbstvorwürfe und Schuldgefühle oft überzogen und sogar irrational sind, sollten Sie sie einem Realitätscheck unterziehen. Manchmal ist allerdings eine professionelle Unterstützung sinnvoll und nötig, um über schwere Kränkungen, Verletzungen oder gar Traumatisierungen hinwegzukommen.

[Selbstreflexion Anfang]

Wem möchte ich was verzeihen? 

Was möchte ich mir selbst verzeihen?

[Selbstreflexion Ende]

Aus: Tatjana Reichhart: Das Prinzip Selbstfürsorge. Wie wir Verantwortung für uns übernehmen und gelassen und frei leben. Roadmap für den Alltag. Kösel Verlag München, 2019


[1] Worthington, Everett: How can you REACH Forgiveness?, http://www.evworthington-forgiveness.com, abgerufen am 21.7.2018

[2] Akhtar, S./Barlow, J.: »Forgiveness therapy for the promotion of mental well-being: A systematic review and meta-analysis«, Trauma, Violence, & Abuse 19 (1), 2018, S. 107–122; weiterführende Studien zu dem Thema: A Bibliography of Scientific Literature about Forgiveness, http://www.forgivenessresearch.com, abgerufen am 6.10.2018

[3] Seligman: Der Glücks-Faktor, a. a. O.

[4] Worthington, a. a. O.

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Selbstbestimmt und frei!

Selbstbestimmt und frei!

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2–3 Minuten

Wie fühlen wir uns eigenständig und frei? Pippi Langstrumpf kann uns helfen! 

Das erste Mal begegnete mir Pippi in meiner Grundschulzeit und ich war von ihrer mutigen, selbstsicheren, frechen und gleichzeitig liebenswerten Art begeistert. War ich doch, so wie ich aufwuchs, eher eine Annika. Aber mein Pippi-Herz schlug schon immer. Über die Jahre des Älterwerdens hätte die Pippi in mir gerne mehr Mitsprache gehabt, ich ließ sie aber oft nicht. So geht es vielen: die Annika gewinnt Oberhand. Nichts gegen Annika; aber zu wenig Pippi-Eigenschaften, lässt uns unfrei und fremdbestimmt fühlen. Unsere Leben laufen dann nach äußeren Vorgaben, wir erfüllen „Pflichten“ und werden unzufrieden. Der Alltag ist geprägt von Hetze, Perfektionismus und ständigem „Tun“, wir verlieren den Raum fürs Spielen, Lachen und einfach mal „Sein“. Mir ging es so und das wollte ich ändern. Als Verhaltenstherapeutin wusste ich, wie wichtig Symbole sind, um uns an unsere Vorhaben zu erinnern. Wer hätte besser als Symbol für mein Projekt gepasst als Pippi? Sie macht sich ihr Leben so, wie es ihr gefällt. Wir können das auch tun, ganz ohne rosarote Brille und ohne gleich egoistisch oder der Welt entrückt zu sein. 

Drei Strategien für mehr Entscheidungsfreude: 

Konzentrier Dich auf das, was Dir Spaß macht und spiele. Frei nach dem Motto: „Womit beschäftige ich mich gerne aus eigenem Antrieb, bei welchen Tätigkeiten vergesse ich die Zeit?“ Genau das macht Pippi Langstrumpf. Wenn Du etwas tust, weil es Dir aus sich heraus Spaß bereitet und nicht, weil Du dadurch etwas bekommen oder erreichen möchtest, fühlst Du Dich automatisch freier! Woher die Zeit nehmen? Reduziere Deinen Medienkonsum und spiele stattdessen.

Sei ein bisschen wie Pippi und mach in Deinem Alltag täglich etwas „Verrücktes“. So dehnst Du  Deine Komfortzone und Deine Selbstbestimmung wird größer. Wie wichtig ist es dir, was andere über dich denken? Hast Du Angst davor, dass Du nicht mehr geliebt wirst, wenn Du bestimmte Erwartungen nicht erfüllst? Alles Freiheits-raubende Gitterstäbe, mit denen du dich selber in deinem Kopf in ein Gefängnis sperrst. Indem du dich deinen Ängsten stellst und deine Komfortzone verlässt, lernst du, dass du dir viel mehr „erlauben“ kannst und dass du viel stärker bist! Pippi ist das stärkste Mädchen der Welt! Und Pippi macht oft „verrückte“ Dinge: sie trägt auffällige Kleidung, schläft verkehrt herum im Bett und rollt den Plätzchen Teig am Boden aus.  Deine persönlichen „Verrücktheiten“  könne ganz klein sein, Hauptsache sie breiten dir ein wenig Unbehagen und sind ungewohnt für dich.

Achte auf Deine Körperhaltung! Pippi steht aufrecht, Brust raus, die Hände an der Hüfte, oder sie legt ganz frech die Füße auf den Tisch. Laut der Sozialpsychologin Amy Cuddy überträgt sich das Einnehmen solcher „Power-Posen“ auf unseren Gehirnstoffwechsel. Es aktiviert die Ausschüttung des Machthormons Testosteron und reduziert die Ausschüttung des Stress-Hormons Cortisol. Wir fühlen uns dadurch gleich viel stärker und gelassener. 

Und das hilft uns dabei mutige Entscheidungen zu treffen: meine Pippi in mir hat wieder die Oberhand gewonnen.  2015  gab ich meine Anstellung auf und gründete mit meiner Grundschulfreundin Katrin das Coaching- Café Kitchen2Soul in München, unsere eigene Villa Kunterbunt.